Von der Anti-Atom-Bewegung zum Energieversorger mit 150 MW

Wie die oekostrom AG die Energiewende lebt

21. 04. 2026

Dr. Ulrich Streibl

  • Vorstandssprecher
  • oekostrom AG

Dr. Ulrich Streibl ist ausgewiesener Energiewirtschaftsexperte mit über 25 Jahren Erfahrung. Nach leitenden Positionen – unter anderem als CFO – in führenden Energieunternehmen übernahm er 2020 die Rolle des CEOs der oekostrom AG. Er bringt umfassende Kapitalmarktexpertise sowie tiefgehendes Know-how entlang der gesamten energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette mit.

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Österreich erzeugt bereits 86 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Trotzdem reicht das nicht aus. Bis 2040 wird sich der Stromverbrauch im Land mehr als verdoppeln, weil Heizungen, Autos und die Industrie zunehmend elektrifiziert werden. Wer den Unterschied machen will, muss jetzt investieren. Die oekostrom AG tut genau das: 1999 aus der Klimaschutz- und Anti Atombewegung heraus gegründet, betreibt sie heute Windparks, Photovoltaikanlagen und ist gerade in den Regelenergiemarkt eingestiegen. Für 2026 plant das Unternehmen einen Kapazitätssprung von 40 Prozent auf 150 MW. Dr. Ulrich Streibl ist seit 2020 Vorstandssprecher der oekostrom AG und war zuvor Strategiechef der OMV sowie CFO bei Tochtergesellschaften der E.ON-Gruppe. Im Gespräch sprechen wir darüber, warum Genehmigungsverfahren von bis zu zehn Jahren die größte Bremse der Energiewende sind, was ein Hybridkraftwerk mit Schafbeweidung mit Netzstabilität zu tun hat und welchen einen Schritt er Privatpersonen empfiehlt.

EEAktuell: Herr Dr. Streibl, Sie haben als Strategiechef bei der OMV gearbeitet, also mitten im konventionellen Energiegeschäft. Was hat Sie damals dazu bewogen, zur oekostrom AG zu wechseln, einem Unternehmen, das aus der Anti-Atom-Bewegung entstanden ist?

Dr. Ulrich Streibl: Was mich besonders an der Aufgabe bei der oekostrom AG fasziniert, ist die Verbindung aus wirtschaftlichem Erfolg und sozialer und ökologischer Verantwortung. Die oekostrom AG ist die größte unabhängige Produzentin und Anbieterin von Strom aus erneuerbaren Energiequellen (Ökostrom) und steht für eine Energiezukunft, die konsequent nachhaltig und unabhängig ist – genau das entspricht meinen persönlichen Werten. Hier kann ich gemeinsam mit einem engagierten Team dazu beitragen, die saubere Energiezukunft voranzutreiben und echten Impact zu schaffen. Denn bei uns ist der Strom aus 100 % sauberen österreichischen Kraftwerken.

EEAktuell: Die oekostrom AG will ihre Erzeugungskapazität 2026 um 40 Prozent auf 150 MW steigern. Gleichzeitig sprechen Sie von einem schwierigen Jahr 2025 mit volatilen Märkten und herausfordernden politischen Rahmenbedingungen. Wie passt beides zusammen?

Dr. Ulrich Streibl: Auf den ersten Blick mag das widersprüchlich wirken, tatsächlich ist es aber Ausdruck einer klaren strategischen Linie. 2025 war operativ zweifellos ein herausforderndes Jahr. Es war geprägt von volatilen Märkten, außergewöhnlich schwachen Windverhältnissen und schwierigen Rahmenbedingungen im Vertrieb.

Gerade in solchen Phasen zeigt sich jedoch, wie wichtig eine langfristig ausgerichtete Unternehmensstrategie ist. Wir haben in den vergangenen Jahren eine sehr solide Basis geschaffen und verfügen über eine starke Projektpipeline in Wind, Photovoltaik und zukünftig auch Speicherlösungen. Darauf bauen wir jetzt konsequent auf. Der geplante Ausbau ist daher kein kurzfristiger Reflex, sondern eine bewusste, zukunftsgerichtete Entscheidung. Wir sind überzeugt, dass nachhaltiges Wachstum in der Erzeugung die Grundlage für Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und langfristige Wertschöpfung ist – für unsere Aktionär:innen ebenso wie für die Energiewende insgesamt.

EEAktuell: Sie fordern seit Langem schnellere Genehmigungsverfahren, da diese aktuell bis zu zehn Jahre dauern. Was konkret blockiert den Ausbau, und wo liegen die Hebel für eine Beschleunigung?

Dr. Ulrich Streibl: Ohne klare, verlässliche Rahmenbedingungen bleiben notwendige Investitionen aus. Die Politik ist gefordert, die Voraussetzungen zu schaffen, damit Unternehmen massiv in erneuerbare Erzeugungsanlagen und sauberen Strom für Österreich investieren können. Der Ausbau erneuerbarer Energien scheitert heute nicht am fehlenden Engagement, sondern vor allem an zu langen und komplexen Genehmigungsverfahren (oft über viele Jahre hinweg, mit unklaren Zuständigkeiten und fehlender Priorisierung). Die entscheidenden Hebel liegen daher in klaren, beschleunigten Verfahren, verbindlichen Fristen und einer besseren Koordination zwischen den Behörden. Gleichzeitig braucht es einen konsequenten Ausbau der Netzinfrastruktur und der Speicherkapazitäten. Denn nur mit einem leistungsfähigen System können wir erneuerbare Energien im notwendigen Ausmaß integrieren.

Unser Zugang ist klar: Die Unternehmen sind bereit zu investieren und Verantwortung zu übernehmen – jetzt braucht es politische Rahmenbedingungen, die Tempo ermöglichen statt, bremsen.

EEAktuell: Mit dem Hybridkraftwerk in Parndorf kombinieren Sie Windkraft, Photovoltaik, Batteriespeicher und Agri-PV auf einer Fläche. Wie viel von diesem Modell ist Zukunft, und wie viel ist heute schon wirtschaftlich darstellbar?

Dr. Ulrich Streibl: Hybridkraftwerke wie jenes in Parndorf sind klar ein Modell der Zukunft, aber wesentliche Teile davon sind schon heute wirtschaftlich darstellbar. Die Kombination von Wind und Photovoltaik nutzt bestehende Infrastruktur effizient und gleicht Erzeugungsschwankungen aus, was sich bereits rechnet. Elemente wie Batteriespeicher oder Agri-PV entwickeln sich wirtschaftlich noch weiter, sind aber schon jetzt sinnvoll einsetzbar, insbesondere wenn man Systemnutzen, Flächeneffizienz und langfristige Stabilität mitdenkt

EEAktuell: 2025 sind Sie in den Regelenergiemarkt eingestiegen. Das ist für viele Leser:innen ein abstraktes Thema. Was bedeutet das konkret?

Dr. Ulrich Streibl: Der Regelenergiemarkt ist sozusagen die Champions League der Energiewirtschaft: Hier geht es um höchste Präzision, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit im System. Konkret bedeutet das, dass wir mit unserem virtuellen Kraftwerk viele kleine Erzeuger und flexible Verbraucher digital bündeln und wie ein großes Kraftwerk steuern können. So gleichen wir kurzfristige Schwankungen im Stromnetz aus und sorgen für Stabilität. Unser Einstieg in diesen Markt belegt, dass wir nicht nur beim Ausbau erneuerbarer Energie führend sind, sondern auch bei digitalen und innovativen Lösungen eine Vorreiterrolle einnehmen.

Gleichzeitig ermöglichen wir es unseren Kund:innen, aktiv am Energiemarkt teilzunehmen und zusätzliche Erlöse zu erzielen und tragen damit wesentlich dazu bei, erneuerbare Energien stabil ins Stromsystem zu integrieren.

EEAktuell: Ihre Umfrage hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Österreicher:innen mehr Engagement von Stromanbietern beim Klimaschutz fordert. Gleichzeitig wechseln viele Menschen den Anbieter hauptsächlich wegen des Preises. Wie überbrücken Sie diesen Widerspruch?

Dr. Ulrich Streibl: Das Spannungsfeld zwischen Preis und Klimaschutz ist uns sehr bewusst. Unser Ansatz ist, beides zusammenzubringen: Wir setzen auf leistbare, transparente Tarife und zeigen gleichzeitig klar auf, welchen konkreten Beitrag unsere Kund:innen mit ihrer Entscheidung für erneuerbare Energie leisten. Entscheidend ist, dass Klimaschutz nicht als Verzicht wahrgenommen wird, sondern als sinnvolle, zukunftssichere Investition – auch wirtschaftlich.

EEAktuell: Die oekostrom AG ist eine Aktiengesellschaft mit über 3.100 Aktionär:innen und hat zuletzt eine Rekorddividende ausgeschüttet. Wie vereinbaren Sie den Renditeanspruch der Aktionär:innen mit dem Anspruch, Pionierin der Energiewende zu sein?

Dr. Ulrich Streibl: Für uns ist das kein Widerspruch, sondern ein klarer Auftrag. Unser wirtschaftlicher Erfolg gründet darauf, dass wir konsequent auf erneuerbare Energien und innovative Lösungen setzen: die Energiewende ist unser Geschäftsmodell.

Wenn wir hier erfolgreich sind, schaffen wir beides: messbaren ökologischen Mehrwert und stabile, langfristige Erträge für unsere Aktionär:innen. Unsere breite Eigentümerstruktur zeigt sehr deutlich, dass nachhaltiges Wirtschaften und attraktive Renditen kein Gegensatz sind, sondern einander stärken. Die Dividendenausschüttung ist dabei ein wichtiger Ausdruck dieser Partnerschaft: Sie ermöglicht es unseren Eigentümer:innen, direkt am Unternehmenserfolg teilzuhaben. Gleichzeitig achten wir konsequent darauf, dass unsere Ausschüttungspolitik im Einklang mit unseren langfristigen Investitions- und Wachstumszielen steht.

EEAktuell: Zum Abschluss: Was ist Ihrer Meinung nach der eine konkrete Schritt, den Privatpersonen heute tun können, um die Energiewende in Europa persönlich voranzubringen?

Dr. Ulrich Streibl: Ich glaube, der wichtigste Schritt ist, die eigene Rolle ernst zu nehmen und bewusst Entscheidungen zu treffen. Und zwar im Alltag, beim Energieverbrauch, bei größeren Anschaffungen oder auch bei der Wahl des Stromanbieters. Die Energiewende passiert nicht nur durch große Projekte, sondern durch viele kleine Entscheidungen von uns allen. Wer beginnt, sich aktiv damit auseinanderzusetzen und entsprechend zu handeln, trägt ganz konkret dazu bei, dass sich etwas bewegt.

Fazit

Dr. Ulrich Streibl liefert in diesem Gespräch keine Hochglanzversprechen, sondern konkrete Einblicke in die Realität der Energiewende: zwischen Marktvolatilität und strategischem Wachstum, zwischen Bürgerwillen und Preisdruck, zwischen Dividendenausschüttung und Klimaauftrag. Die oekostrom AG steht dabei für ein Modell, das vor macht, wie ein Unternehmen wirtschaftliche Stabilität und ökologische Verantwortung tatsächlich verbinden kann. Besonders aufschlussreich ist Streibls Analyse der Genehmigungsverfahren: Nicht fehlendes Kapital oder mangelnde Technik bremsen die Energiewende, sondern politische Strukturen.