Klimaziele im Portfolio: Wie realistisch ist die CO₂-Reduktion mit ETFs?

BNP Paribas Asset Management im Interview

13. 01. 2026

Martin Walentowitz

  • Senior Sales Manager
  • BNP Paribas Asset Management

Martin Walentowitz arbeitet seit April 2022 als Senior Sales Manager für ETFs und Index-Lösungen bei BNP Paribas Asset Management. In seiner vorherigen Rolle war er als Investment Manager für das Wealth Management von BNP Paribas in Deutschland tätig. Bevor er Anfang 2019 zu BNP Paribas kam, arbeitete Herr Walentowitz als Investmentberater für das Wealth Management der Deutsche Bank AG. Er hat einen Bachelor of Science von der Goethe-Universität in Frankfurt und einen Master of Science in Strategie und Innovation von der University of Southampton/UK.

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Nachhaltige ETFs gelten für viele Privatanleger:innen als einfacher Einstieg in verantwortungsvolles Investieren. Gleichzeitig bleiben Fragen offen: Wie stark sinkt der CO₂-Fußabdruck eines Portfolios tatsächlich? Wo liegen die Grenzen solcher Ansätze? Und welche Entscheidungen machen langfristig den Unterschied?

Martin Walentowitz ist Senior Sales Manager bei BNP Paribas Asset Management und begleitet institutionelle Anleger ebenso wie Finanzberater bei der Umsetzung nachhaltiger ETF- und Indexlösungen. Im Gespräch ordnet er ein, wie Nachhaltigkeit im ETF-Alltag funktioniert, welche Denkfehler Anleger:innen häufig machen und worauf es ankommt, wenn Klimaziele im Portfolio nicht nur auf dem Papier stehen sollen.

EEAktuell: Herr Walentowitz, Sie arbeiten täglich mit institutionellen Investoren und Portfolio-Managern von Privatbanken und Vermögensverwaltern, die ihre Portfolios nachhaltig ausrichten möchten. Was begegnet Ihnen dabei häufiger: Unsicherheit darüber, was möglich ist oder falsche Erwartungen an die Wirkung?

Martin Walentowitz: Beides  – Unsicherheit und unklare Erwartungen – spielt hier eine Rolle. Auf der einen Seite ist es zunächst wichtig, aufzuklären, welche Möglichkeiten Investor:innen haben, um Nachhaltigkeit ins Portfolio zu integrieren. Hierbei steht die Frage im Vordergrund, wie selektiv vorgegangen werden soll. Es ließe sich zum Beispiel ein Konzept finden, welches lediglich die Hersteller von kontroversen Waffen, beispielsweise Streubomben, aus einem Portfolio ausschließt.

Am anderen Ende der Skala könnte ein sehr selektiver Ansatz dafür sorgen, dass zahlreiche Wirtschaftsaktivitäten ausgeschlossen werden oder für andere Sektoren genau definierte Kriterien eingehalten werden müssen, damit die Aktie oder die Anleihe des Unternehmens ins Portfolio aufgenommen werden kann. Ein weiterer Ansatz wäre eine definierte Reduktion der CO2-Intensität auf Portfolio-Ebene gegenüber einem Ausgangsindex. Konkret hieße das beispielsweise, dass eine nachhaltige Variante des MSCI World eine um mindestens 50 % geringere CO2-Intensität aufweisen muss als der standardisierte MSCI World Index.

Neben der Frage der Selektivität ist es wichtig, die Erwartung an das Investment zu klären. Der/die einzelne Anleger:in wird mit dem Kauf eines entsprechend nachhaltigen ETFs nicht dafür sorgen, dass der Klimawandel abrupt stoppt. Nachhaltige ETFs können das Gesamtrisiko im Portfolio senken, die Exposition gegenüber besonders CO₂-intensiven Unternehmen reduzieren und  (in Kombination mit aktivem Engagement) Druck auf Unternehmen ausüben. Aber sie ersetzen keine tiefgreifende Unternehmens bzw. Sektor-Transformation, die beispielsweise durch regulatorische Rahmenbedingungen, technologische Innovationen und ein breiteres Kapitalumfeld getrieben wird.

EEAktuell: Viele Anleger:innen verbinden ETFs vor allem mit Effizienz und Kostenkontrolle. Wo fügt sich Nachhaltigkeit hier sinnvoll ein und wo wird sie aus Ihrer Sicht missverstanden?

Martin Walentowitz: Die klassische Stärke von ETFs – breite Markt-Exposition zu niedrigen Kosten – bleibt erhalten, wenn wir Nachhaltigkeit integrieren. Es ist keineswegs so, dass der breite Diversifikationseffekt verloren geht oder aber ein nachhaltiger ETFs eine doppelt so hohe Kostenquote aufweist wie das nicht-nachhaltige Pendant. Insofern lassen sich hier sicherlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

EEAktuell: Kann ein nachhaltiger ETF tatsächlich Einfluss auf Unternehmen nehmen oder handelt es sich meist um eine Umlenkung bestehender Kapitalströme?

Martin Walentowitz: Ein nachhaltiger ETF kann auf drei verschiedenen Ebenen einen gewissen Einfluss haben.

Erstens auf der Ebene der Kapitalallokation – durch Ausschluss oder Gewichtungsregeln wird Kapital von Unternehmen mit ungünstiger CO₂-Bilanz zu nachhaltigeren Unternehmen umgelenkt. Hier hat man einen konkreten Einfluss.

Zweitens kann der ETF-Emittent seine Stimmrechte auf den Hauptversammlungen der Unternehmen nutzen, in die Gelder investiert ist. Diese Stimmrechte können dann entsprechend ausgeübt werden, um die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit voranzutreiben. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, wie unabhängige Studien zeigen. Einige, auch sehr große ETF-Anbieter, lassen ihre Stimmrechte vollkommen ungenutzt und verpassen hiermit die Möglichkeit, ihren Beitrag zu leisten. BNP Paribas Asset Management ist hingegen sehr aktiv und hat einige der höchsten Oppositionsraten unter Anteilseignern. Das heißt, wir stimmen mit am häufigsten mit „nein“ bei Vorschlägen auf Hauptversammlungen; meist weil uns die vorgestellten Maßnahmen nicht weit genug gehen.

Der dritte Faktor sind sogenannte Corporate Engagement Ansätze. Hier sind wir direkt mit Unternehmen im bilateralen Austausch, um im Dialog mit dem Unternehmen weitere Ansätze zu identifizieren, die das Geschäftsmodell nachhaltiger machen.

EEAktuell: Viele unserer Leser:innen investieren selbst nachhaltig oder möchten damit beginnen. Welche Denkfehler beobachten Sie bei privaten Anleger:innen besonders häufig?

Martin Walentowitz: Sicherlich ist der häufigste Denkfehler, dass Nachhaltigkeit immer auf Kosten der erzielten Performance geht. Das ist schlichtweg falsch. Studien zeigen, dass Portfolios, die ESG-Kriterien in den Investmentprozess integrieren, in stressigen Marktphasen robuster und resilienter sind als Portfolios, die nur klassische, finanzielle Kriterien berücksichtigen. Dies bezieht sich auf die langfristige Betrachtung. Natürlich kann es immer wieder Phasen und Marktsegmente geben, bei denen eine nachhaltige Ausrichtung Performance Kosten kann.

Ein Beispiel hierfür ist der Angriffskrieg in der Ukraine. Nach Ausbruch des Krieges sind Preise für Energie signifikant gestiegen, Verteidigungsausgaben steigen seitdem ebenso stark. Die Profiteure hiervon – Energiekonzerne und Hersteller von Rüstung – sind in nachhaltigen Portfolios nicht oder weniger stark gewichtet als in nicht-nachhaltigen Portfolios. Somit hatten nachhaltige Anlagen zuletzt tendenziell das Nachsehen. Eine pauschale Aussage lässt sich aber ohnehin nicht treffen, da ein nachhaltiges Investment ja wie beschrieben sehr unterschiedlich ausgestaltet sein kann.

EEAktuell: Nachhaltige ETFs unterscheiden sich stark in Methodik und Ausschlüssen. Worauf sollten Privatanleger:innen achten, um Produkte sinnvoll vergleichen zu können?

Martin Walentowitz: Als Anleger:in sollte ich verschiedene Aspekte bei der Auswahl vergleichen. Die wichtigsten beiden Kriterien sind das abgebildete Indexkonzept und die Ausrichtung des jeweiligen ETF-Anbieters mit Blick auf Stimmrechte und Corporate Engagement. Für das Indexkonzept sollte sich der/die Anleger:in das jeweilige Methodik-Handbuch ansehen, welches entweder auf der Website des Index-Anbieters oder des ETF-Providers eingesehen werden kann. Hier wird genau dargelegt, wie der Index konstruiert wird; angefangen bei den definierten Ausschlüssen, über Regelungen zu einzelnen Gewichtungen und der Frequenz der Index-Neuausrichtung, dem sogenannten Rebalancing.

Hinsichtlich der Ausrichtung des jeweiligen ETF-Providers lohnt sich ein Blick in unabhängige Studien, beispielsweise bietet die NGO „ShareAction“ ein Ranking von verschiedenen Asset Managern mit Blick auf die Umsetzung von Standards im Bereich nachhaltiger Finanzwirtschaft. Die oberen Plätze im Ranking werden allesamt von europäischen Namen eingenommen.
Kurz zusammengefasst ist es am Ende ein Zusammenspiel von einem nachhaltigen Asset Manager und einem nachhaltigen Indexkonzept.

EEAktuell: Wie ordnen Sie nachhaltige ETFs im Zusammenspiel mit anderen Anlageklassen ein – etwa Aktien, Anleihen oder alternativen Investments?

Martin Walentowitz: Konventionelle und nachhaltige ETFs bilden immer einen Wertpapierkorb ab, der sich wiederum meist aus einer Anlageklasse speist, also beispielsweise Aktien oder Anleihen. Eine Mischform wären sogenannte Multi-Asset-ETFs, die also verschiedene Anlagekassen miteinander kombinieren. Der große Vorteil von ETFs im Vergleich zu Direktanlagen, also beispielsweise einer einzelnen Aktie, ist die breite Risikostreuung über eine Vielzahl von Titeln. Mit einem Investment in einen ETF, der den US-amerikanischen Index S&P 500 abbildet, partizipiere ich als Anleger:in von der Wertentwicklung von gleich 500 Unternehmen – und das mit nur einer Transaktion. Es muss ja auch nicht zwingend entweder/oder heißen. Viele Anleger:innen nutzen ETFs für eine breite Exposition und kaufen sich ein paar Einzelaktien hinzu, möglicherweise weil sie zu einer bestimmten Marke eine emotionale Bindung besitzen und hier Aktionär sein wollen.

EEAktuell: Wenn Sie Anleger:innen einen einzigen Gedanken mitgeben könnten, um ihr Portfolio schrittweise nachhaltiger auszurichten – welcher wäre das?

Martin Walentowitz: Das Thema CO2-Ausstoß ist allgegenwärtig und es führt kein Weg daran vorbei, diesen Ausstoß zu reduzieren. Eine schöne Möglichkeit, das eigene Portfolio auf Nachhaltigkeit zu trimmen, ist diesen abgebildeten Ausstoß des Depots zu reduzieren.

Wenn wir in der ETF-Welt bleiben: Mit ein paar Klicks im Internet lässt sich schnell herausfinden, wie hoch die CO2-Intensität eines Standard-Index, zum Beispiel auf den MSCI World, ist. Hier kann ich einen direkten Vergleich mit nachhaltigen Indizes ansetzen und sehen, wie viel niedriger die jeweilige CO2-Intensität ist. Eine Idee hier wäre, ein Indexkonzept zu wählen, welches nicht nur eine Status-Quo-Betrachtung vornimmt, sondern auch mit Blick in die Zukunft einen sogenannten Dekarbonisierungspfad integriert – die Kohlenstoffintensität wird also Jahr für Jahr weiter gesenkt. Am besten eignen sich hierfür Indexkonzepte, die nach der sogenannten Paris-Aligned-Benchmark ausgerichtet sind.

Fazit

Das Gespräch mit Martin Walentowitz ordnet nachhaltige ETFs dort ein, wo sie hingehören: Als nützliches Werkzeug. CO₂-Reduktion im Portfolio funktioniert, wenn Methodik, Indexauswahl und Anbieter zusammenpassen. Gleichzeitig tragen Kapitalmärkte allein keine Transformation. Wer nachhaltig investieren möchte, sollte Erwartungen sauber kalibrieren, Produkte vergleichen und verstehen, wie Engagement und Stimmrechte tatsächlich genutzt werden. Nachhaltigkeit im ETF-Bereich beginnt nicht beim Label. Sie beginnt bei der Struktur dahinter und bei der Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen.