Simone Peter über die Energiewende 2026

Wo die Politik versagt und was Bürger:innen selbst tun können
Der Blick vom Balkon auf Felder mit Solaranlagen und Windkraftanlagen inmitten einer ländlichen Landschaft unter einem teilweise bewölkten Himmel – eine inspirierende Szene, die den Geist der Energiewende 2026 einfängt.

Im Interview mit

Simone Peter

Energieexpertin

Aufsichtsrat naturstrom AG

Beirat Bundesverband Bioenergie

Dr. Simone Peter ist Energieexpertin und überzeugte Verfechterin eines 100 Prozent Erneuerbaren Energiesystems. Nach Stationen in Politik und Verbänden der Erneuerbaren Energien konzentriert sie sich heute überwiegend auf die Umsetzung konkreter Energiewende-Projekte vor Ort. Sie ist davon überzeugt, dass die Energiewende nur durch weitgehende Bürgerbeteiligung gelingt. Diese ist nicht auf die Energieerzeugung beschränkt, sondern wird auch durch die aktive Teilnahme am Energiesystem gewährleistet.

Im Interview mit

Simone Peter

Energieexpertin

Aufsichtsrat naturstrom AG

Beirat Bundesverband Bioenergie

Dr. Simone Peter ist Energieexpertin und überzeugte Verfechterin eines 100 Prozent Erneuerbaren Energiesystems. Nach Stationen in Politik und Verbänden der Erneuerbaren Energien konzentriert sie sich heute überwiegend auf die Umsetzung konkreter Energiewende-Projekte vor Ort. Sie ist davon überzeugt, dass die Energiewende nur durch weitgehende Bürgerbeteiligung gelingt. Diese ist nicht auf die Energieerzeugung beschränkt, sondern wird auch durch die aktive Teilnahme am Energiesystem gewährleistet.

Zum Interview

Die Saarländerin und promovierte Mikrobiologin Simone Peter hat die deutsche Energiewende über 25 Jahre aus erster Reihe mitgestaltet: als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei EUROSOLAR, als Gründungsgeschäftsführerin der Agentur für Erneuerbare Energien, als saarländische Umwelt- und Energieministerin, als Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und zuletzt als Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, den sie von Februar 2018 bis Oktober 2025 führte. Seit ihrem Abgang ist sie freiberuflich tätig und hält unter anderem Mandate bei der naturstrom AG, der European Renewable Energies Federation (EREF), dem Anlegerbeirat der Windpark Saar GmbH und dem Bundesverband Bioenergie. Die aktuelle Energiepolitik beobachtet sie mit kritischem Blick: Die Ankündigungen der neuen Bundesregierung seien bislang vor allem unausgegoren und unerfüllt. EEAktuell hat sie gefragt, welche Themen sie heute beschäftigen, wo sie die größten Fehlentwicklungen sieht und was erneuerbare Energien im Alltag konkret bedeuten.

Frau Dr. Peter, Sie sind Mikrobiologin, aufgewachsen in einem politisch aktiven Elternhaus im Saarland und sind über Eurosolar zur Energiewende gekommen. Was war der Moment, in dem aus Interesse eine Überzeugung wurde?

Sprecher

Es war eher ein Prozess als ein Moment: Mit dem wachsenden Umweltbewusstsein der 1980er Jahre, dem Kampf gegen die Atomkraft, der im Saarland seit Jahrzehnten der Atomzentrale im grenznahen Cattenom (Frankreich) gewidmet war, der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 und den wachrüttelnden wie mutmachenden Veröffentlichungen von Franz Alt, Hermann Scheer, Club of Rome und anderen, die die erneuerbaren Alternativen zum fossil-nuklearen Energiesystem schon früh aufzeigten.

Das brachte mich zum Biologiestudium, zur Grünen Partei und zum Energiewende-Engagement. In meiner Jugend war das eingebunden in die familiären Aktivitäten – von der PV-Anlage über das e-Auto bis hin zu Solarmessen und e-Auto-Wettbewerben bereits Ende der 1980er Jahre, später ehrenamtlich in lokalen Vereinen (Energiewende Saarland, Zukunftswerkstatt Saar) und dann auch beruflich.

Hermann Scheer holte mich nach meiner Promotion 2001 nach Bonn zu EUROSOLAR. Und ab da war der Weg dann ohnehin vorgezeichnet. Es gab und gibt kaum einen überzeugenderen Akteur für die Energiewende, der viele Mitstreiter:innen für ihr gesamtes Berufsleben prägte.

Sprecher

Sie haben von Anfang 2018 bis Oktober 2025 den BEE geführt, fast acht Jahre. In dieser Zeit stieg der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch von rund 36 auf rund 55 Prozent. Was war in dieser Zeit die größte Fehleinschätzung, die Sie selbst hatten?

Sprecher

Ja, der Ausbau der Erneuerbaren im Strombereich zog nach Jahren der politischen Bremsen und Deckel in den letzten Jahren wieder an. Heute sind wir sogar schon bei einem Anteil von 58 Prozent!

Hier hat die Ampel viel bewegt, aber auch die Folgen der Energiekrise durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat die heimischen sauberen Energiequellen beflügelt; auch durch Maßnahmen auf EU-Ebene. Die größte Fehleinschätzung war sicher das Unterschätzen des weiterhin massiven Einflusses der fossilen Lobbys, der trotz Strompreisexplosionen durch fossiles Erdgas vor 3 Jahren und wiederholter Knappheit durch den Iran-Krieg nun erneut sichtbar wird: Beim Gebäudemodernisierungsgesetz mit dem Rückfall zu Öl- und Gasheizungen, mit dem Sägen am Verbrenner-Aus und mit dem Kraftwerksgesetz (StromVGK) und dem Flexibilitätsbeschleunigungsgesetz (FlexBG), in denen fossile Kapazitäten bevorzugt vorgesehen sind.

Dabei könnten Batterien, flexibilisierte Biogas- und Wasserkraftanlagen, Lastverschiebung und Verbraucherflexibilität (bidirektionales Laden, Wärmepumpen) von Beginn an zeigen, dass sie gesicherte Leistung schneller, günstiger, sauberer und systemdienlicher bereitstellen können.

Die Rechnung für die Gaskraftwerke zahlen nach EU-Vorgabe die Verbraucher:innen. Das wird teuer. Denn nach dem gerade vom Bundestag verabschiedeten StromVGK wurde der Gebotshöchstwert nun auf 244.000 Euro je Megawattstunde und Jahr hochgesetzt, was einer Erhöhung der Strompreisumlage um mehr als einen halben Cent je Kilowattstunde zur Folge haben kann.

Sprecher

In Ihrer Abschiedserklärung schrieben Sie: „Die Erneuerbaren sind mittlerweile systemsetzend, 100 Prozent beim Strom in Sichtweite, in immer mehr Bundesländern werden sie zur Realität.“ Gleichzeitig stockt die Wärmewende, der Wasserstoffhochlauf läuft schleppend, und die neue Bundesregierung setzt andere Akzente. Wo klaffen Anspruch und Realität am stärksten auseinander?

Sprecher

Die Vorhaben des Koalitionsvertrages, an den Klimaschutz- und Erneuerbare-Ausbauzielen festhalten zu wollen, passen nicht zu den Rückschritten beim Heizungsgesetz, im sog. Netzpaket und bei der EEG-Reform sowie der stockenden Flexibilisierung und Digitalisierung. Es darf keine Einschnitte bei der bürgernahen Dach-PV-Förderung geben, wie es für das EEG 2027 geplant ist, da die Voraussetzungen für die Direktvermarktung nicht gegeben sind, bzw. der Smart-Meter-Rollout stockt. Der geplante Redispatch-Vorbehalt im Netzpaket würde ganze Regionen vom Ausbau der Erneuerbaren abhängen.

Zudem hakt es beim Netzausbau und -anschluss, auch für die vielen Anschlussbegehren von Speichern, die es zur Speicherung von Wind- und Solarstrom dringend braucht. Immerhin hat der Koalitionsausschuss nun beschlossen, mehr in die Energieinfrastruktur investieren zu wollen. Auch beim Verteilnetzausbau soll es mit Blick auf schnellere Genehmigungen und eine Beschleunigung des Smart Meter Ausbaus vorangehen. Zudem sollen Berichts- und Dokumentationspflichten reduziert werden.

Bei all dem kommt es jetzt auf die genaue Ausgestaltung an. Es braucht auch mehr Tempo, um Netzpaket mit Blick auf Verteilnetze und Netzanschluss, auslaufendes EEG und Wärmewende im Sinne der Erneuerbaren voranzutreiben. Hier darf es keine neuen Unsicherheiten geben. Auch beim Wasserstoff sind dringend die Weichen Richtung heimische erneuerbare Erzeugung und Verteilung zu legen. Grüne Moleküle werden dringend in der Industrie gebraucht.

Sprecher

Sie sitzen heute im Aufsichtsrat von naturstrom, im Vorstand der European Renewable Energies Federation, im Anlegerbeirat der Windpark Saar GmbH und im Beirat des Bundesverbands Bioenergie. Was können Sie aus diesen Positionen heraus bewegen, was als Verbandspräsidentin nicht möglich war?

Sprecher

Teilweise begleitete ich diese Ämter schon als BEE-Präsidentin. Meine langjährigen Erfahrungen bringe ich dort mit ein. Am wichtigsten war und ist mir die bürgernahe Ausgestaltung der Energiewende. Kommunale und Bürger-Beteiligung sind der Schlüssel für deren Erfolg. Unabhängig von der Verbandsführung lassen sich Positionen manchmal zugespitzter formulieren. Und die Beschäftigung mit konkreten Projekten ermöglicht die konkrete Mitwirkung an der Umsetzung der Energiewende vor Ort. Das war mir immer wichtig.

Wenn wir es schaffen, Energy Sharing, Verbraucherflexibilität mit bidirektionalem Laden, Wärmepumpen, Smart Metern und dynamischen Tarifen sowie die Direktbelieferung der Industrie zu stärken, profitieren Bürgerinnen und Bürger, lokale Wertschöpfung, Resilienz, Versorgungssicherheit und Klima.

Sprecher

Sie engagieren sich seit 25 Jahren für erneuerbare Energien. Was machen Sie persönlich zuhause: Haben Sie eine Wärmepumpe, eine Photovoltaik-Anlage, ein Elektroauto? Was würden Sie Menschen empfehlen, die heute mit dem ersten Schritt hadern?

Sprecher

Persönlich betreiben wir eine Solarthermie- und eine Balkon-PV-Anlage und fahren ein E-Auto. Das hat in der Familie schon eine 40-jährige Tradition (siehe CHIP 5/2026). Jetzt wollen wir noch eine Dach- oder Fassaden-PV-Anlage und eine Wärmepumpe sowie einen Batteriespeicher beauftragen, um fossile Energien komplett zu ersetzen. Es lohnt sich – beim Strom, bei der Wärme und bei der Mobilität. Das spüren derzeit viele Menschen angesichts unsicherer Gaspreise und hohen Spritpreisen.

Sprecher

Deutschland diskutiert gerade intensiv über Gaskraftwerke als Brückentechnologie, negative Strompreise und Netzentgelte. Warum gelingt es der Branche bisher so schlecht, die Herausforderungen des künftigen Energiesystems der Bevölkerung verständlich zu erklären?

Sprecher

Hier widerspreche ich. Es muss Aufgabe der Politik sein, die günstigste, resilienteste und sauberste Energie für alle Sektoren vorzuhalten. Die Branche hat mehrfach, oft zusammen mit Forschungsinstituten wie Fraunhofer ISE und IEE gezeigt, was es zusammen mit dem Ausbau der beiden Zugpferde Sonne und Wind braucht: Speicher, flexibel steuerbare Erzeuger und eine digitale Infrastruktur.

Schon 2021 hat der BEE die Studie “Klimaneutrales Stromsystem” herausgegeben, die genau die von Ihnen genannten Punkte adressiert und Lösungen vorschlägt. Nun ist die Politik am Zug, den Rahmen zu setzen, um die Kostenvorteile der Erneuerbaren durch bessere Marktintegration voll zu heben. Der Speicher- und Smart-Meter-Ausbau hinken aber hinterher, Netzanschlüsse fehlen nahezu überall, ein neues Strommarktdesign lässt auf sich warten und Perspektiven für Bioenergie und Wasserkraft ebenso. Jetzt läuft uns die Zeit beim EEG davon, das zwingende Grundlage für Genehmigungen und den Ausbau der Erneuerbaren in vielen Segmenten ist. Hier muss sich die Branche kein Kommunikationsdefizit anhängen, sondern da ist die Bundesregierung gefragt.

Oberstes Prinzip bei all den Reformen muss sein, dass Erneuerbaren- und Netz-Ausbau weiter vorangehen und Flexibilisierung und Digitalisierung die weitere Marktintegration ermöglichen. Damit reduziert sich der Bedarf an teuren Gaskraftwerken erheblich, werden negative Stunden vermieden und das Stromsystem stabilisiert.

Sprecher

Zum Abschluss: Was ist der eine Schritt, den Privatpersonen heute tun können, um die Energiewende aktiv mitzugestalten, egal ob sie Eigentümer:in oder Mieter:in sind?

Sprecher

Es ist empfehlenswert, die ab Ende Juli geltenden neuen Fördermittel für den Heizungstausch im Eigenheim in Anspruch zu nehmen bzw. als Mieter:in den Vermieter darauf zu drängen, denn die Gaspreise werden weiter steigen. Die Investitionen rechnen sich oft schon nach wenigen Jahren. Hier lohnt sich auch die Verbindung mit einer Dach-PV- (Eigenheim) oder Balkon-Solar-Anlage (Mietwohnung) und Batterie, um mit einem dynamischen Stromtarif aktiv am Strommarkt teilnehmen und profitieren zu können.

Wer die Anfangsinvestition stemmen kann, sollte auch auf ein E-Auto wechseln, denn auch das amortisiert sich angesichts geringer Wartungskosten und günstigerem Energiebedarf relativ schnell. Auch der Umstieg auf einen zertifizierten Ökostromanbieter ist die bessere Wahl als ein Egal-Anbieter. Wenn Energy Sharing, bidirektionales Laden, der Smart-Meter-Rollout und ein attraktives Netzentgeltsystem an Dynamik gewinnen, profitieren Verbraucher:innen enorm von den günstigen Erneuerbaren Energien.

Sprecher

Simone Peter blickt nach fast acht Jahren an der Spitze des BEE nüchtern auf die aktuelle Energiepolitik: Ambitionierte Ziele im Koalitionsvertrag stehen Rückschritten bei Heizungsgesetz, Netzpaket und EEG-Reform gegenüber. Ihre Analyse benennt konkrete Reibungspunkte, vom Redispatch-Vorbehalt bis zum stockenden Smart-Meter-Rollout, und liefert damit eine Einordnung jenseits allgemeiner Debatten. Für Leser:innen bietet das Interview praktische Anknüpfungspunkte: von der Förderung für den Heizungstausch bis zur Kombination aus PV-Anlage, Batteriespeicher und dynamischem Stromtarif. Peters eigene Erfahrung als Nutzerin von Solarthermie, Balkon-PV und E-Auto unterstreicht, dass die von ihr beschriebenen Schritte im Alltag umsetzbar sind.

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