Maike Schmidt vom ZSW: Was hinter den Zahlen zur Energiewende steckt

Ein modernes Gebäude mit Sonnenkollektoren auf dem Dach steht auf einer Wiese, im Hintergrund sind unter einem teilweise bewölkten Himmel mehrere Windkraftanlagen zu sehen. Am Horizont ist eine ferne Stadt zu erkennen, was an die Themen erinnert, die im jüngsten ZSW-Energiewende-Interview über nachhaltige Energielösungen und zukünftige Stadtlandschaften diskutiert wurden.

Im Interview mit

Maike Schmidt

Leiterin Fachgebiet Systemanalyse

Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung

Baden-Württemberg

Dipl.-Wirt.-Ing. Maike Schmidt leitet seit November 2014 das Fachgebiet Systemanalyse am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW), dem sie seit 2006 als wissenschaftliche Mitarbeiterin angehörte. Sie studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Energie- und Umweltmanagement an der Universität Flensburg und der North Dakota State University. Ihre Arbeit umfasst Potenzial- und Marktanalysen zu erneuerbaren Energien und grünem Wasserstoff sowie die Entwicklung von Energie- und Klimaschutzszenarien. Seit Dezember 2021 ist sie Vorsitzende des baden-württembergischen Klima-Sachverständigenrates und berät die Landesregierung in Fragen des Klimaschutzes.

Im Interview mit

Maike Schmidt

Leiterin Fachgebiet Systemanalyse

Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung

Baden-Württemberg

Dipl.-Wirt.-Ing. Maike Schmidt leitet seit November 2014 das Fachgebiet Systemanalyse am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW), dem sie seit 2006 als wissenschaftliche Mitarbeiterin angehörte. Sie studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Energie- und Umweltmanagement an der Universität Flensburg und der North Dakota State University. Ihre Arbeit umfasst Potenzial- und Marktanalysen zu erneuerbaren Energien und grünem Wasserstoff sowie die Entwicklung von Energie- und Klimaschutzszenarien. Seit Dezember 2021 ist sie Vorsitzende des baden-württembergischen Klima-Sachverständigenrates und berät die Landesregierung in Fragen des Klimaschutzes.

Zum Interview

Erneuerbare Energien deckten 2025 fast 56 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Wer hinter diesen Zahlen steckt und wie sie entstehen, ist Maike Schmidt bestens vertraut. Sie leitet das Fachgebiet Systemanalyse am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und ist seit 2022 Vorsitzende des Klima-Sachverständigenrats der Landesregierung. Im Gespräch mit EEAktuell erklärt sie, was die Daten wirklich aussagen, wo der Ausbau ins Stocken gerät und was Privatpersonen heute schon tun können.

Sie forschen seit fast zwanzig Jahren an der Energiewende, zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, heute als Fachgebietsleiterin und Mitglied im Klima-Sachverständigenrat. Was hat Sie damals bewogen, ausgerechnet diesen Weg einzuschlagen?

Sprecher

Ich wollte schon als kleines Kind die Welt retten – eigentlich als Ärztin, aber als dann die Berufswahl anstand, dachte ich, dass ich als Ingenieurin mehr bewirken kann. Also habe ich mich für ein Studium zum Wirtschaft-Ingenieur mit Schwerpunkt Energie- und Umweltmanagement an der Universität Flensburg entschieden – damals einer der ersten Studiengänge in Richtung Erneuerbare Energien. Und was soll ich sagen – ich habe es nie bereut. Aus dem “Welt retten” ist “Klima retten” geworden – in Kombination mit Artenschutz, einer prosperierenden Wirtschaft und sozialer Akzeptanz. Eins ist sicher, es ist noch viel zu tun.

Sprecher

Das ZSW und der BDEW berechnen quartalsweise, wie viel Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Zuletzt deckten Erneuerbare im ersten Halbjahr 2026 rund 58 Prozent des Stromverbrauchs. Wie belastbar sind diese Zahlen, und was sagen sie für den Alltag einer Privatperson tatsächlich aus?

Sprecher

Diese Zahlen sind sehr belastbar, da sie aus der laufenden Erfassung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, der Erzeugung aus konventionellen Quellen und dem Stromverbrauch der unterschiedlichen Verbrauchssektoren abgeleitet werden. Lediglich am “aktuellen Rand”, d.h. aus statistischer Sicht am Ende der Datenreihe, also den letzten erfassten Tagen, kann es beispielsweise witterungsbedingt zu kleineren Ungenauigkeiten kommen. Auf den Alltag einer Privatperson wirkt sich das zunächst nicht unmittelbar aus – indirekt über die positiven Effekte des Klimaschutzes, der Luftreinhaltung, der geringeren Abhängigkeit von externen Energiepreisschocks oder einen zukunftsfähigen Arbeitsplatz in der Erneuerbaren-Energien-Branche aber natürlich schon, nur wird dies selten direkt mit diesen Zahlen verknüpft.

Sprecher

Photovoltaik legte 2025 um fast 19 Prozent zu, der Zubau bleibt hoch. Gleichzeitig gibt es Netzengpässe und Einspeisevergütungen, die für viele Haushalte kaum noch attraktiv wirken. Wo liegt das eigentliche Problem gerade?

Sprecher

Eins Vorweg: Die Photovoltaik ist schon heute eine der tragenden Säulen der Energieversorgung und wird dies in Zukunft noch viel stärker sein. Das Energiekonzept für Baden-Württemberg sieht beispielsweise für 2040 – das Jahr in dem Baden-Württemberg treibhausgasneutral sein möchte – einen Anteil der Photovoltaik an der Stromerzeugung von 49% vor. Außerdem ist die Photovoltaik heute – auch dank der Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – die kostengünstigste Stromerzeugungstechnologie der Welt. Da die Sonne nachts nicht scheint, müssen wir für die Energieversorgung der Zukunft neben einem beschleunigten Netzausbau auch gezielt Speicherkapazitäten aufbauen. Hier sehe ich aktuell insbesondere regulatorische Defizite, die schnellstmöglich ausgeräumt werden müssen, um Flexibilitätspotenziale zu heben. Ich möchte noch einen anderen Aspekt ansprechen – Photovoltaikanlagen und insbesondere Balkonkraftwerke ermöglichen für nahezu jeden eine aktive Teilhabe an der Energiewende und auch ganz klar im Geldbeutel durch Stromkostenersparnisse. Dieses soziale Potenzial sollte aus meiner Sicht viel stärker genutzt werden. Davon profitieren die Gesellschaft und der Klimaschutz wesentlich stärker als von abgesenkten Vergütungssätzen.

Sprecher

Ihr Fachgebiet evaluiert Förderinstrumente wie KfW-Programme und EEG-Ausschreibungen. Welche greifen derzeit wirklich, und welche verfehlen ihr Ziel?

Sprecher

Das EEG hat die oben genannten Anteile der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung erst möglich gemacht. Seit dem Jahr 2000 wurde es vielfach novelliert – nicht jede Novelle war ein Erfolg für den Ausbau der Erneuerbaren. Hier stehen wir gerade wieder am Scheideweg – wir benötigen dringend eine EEG-Novelle, da die beihilferechtliche Genehmigung der EU zum Jahresende ausläuft. Die Novelle muss so gestaltet sein, dass es nicht nur zu keinem Fadenriss beim Ausbau der erneuerbaren Energien insbesondere der Windenergie und der Photovoltaik kommt, sondern so, dass der Ausbau weiter beschleunigt wird – zugunsten einer zuverlässigen, resilienten Stromversorgung unserer Industrie zu kalkulierbaren Preisen, zugunsten einer größeren Unabhängigkeit und zugunsten des Klimaschutzes. Dies wird aus meiner Sicht mit den vom Kabinett beschlossenen Entwürfen zum EEG und zum Netzpaket nicht erreicht.

Sprecher

Baden-Württemberg will bis 2040 klimaneutral sein. Sie beraten die Landesregierung direkt. Wie realistisch ist dieses Ziel noch, und was sind die größten Bremsen?

Sprecher

Der aktuelle Emissionsbericht des Statistischen Landesamts zeigt, dass die Emissionen in Baden-Württemberg im Jahr 2025 nicht wie erforderlich gesunken, sondern im Gegenteil um 2,7 Mio. t bzw. 4,4 % gestiegen sind. Baden-Württemberg hat damit gegenüber 1990 erst eine Minderung von 30 % gegenüber 1990 erreicht. Im Jahr 2030 soll als Zwischenziel zur Treibhausgasneutralität bis 2040 eine Treibhausgasminderung um 65 % gegenüber 1990 erreicht werden. Diese ist nach dem Anstieg der Emissionen im Jahr 2025 noch nicht einmal zur Hälfte erreicht. Ohne konsequente Weichenstellungen in Richtung Klimaschutz auf politischer und regulatorischer Ebene ist das Gesamtminderungsziel bis 2030 nicht erreichbar, auch wenn dies aus technologischer Sicht weiterhin möglich wäre.

Es bedarf eines klaren Bekenntnisses zum Klimaschutz und der Beschleunigung des Ausbaus der erneuerbaren Energien auf der politischen Ebene, aber auch eines intensiven Engagements der Gesellschaft für diesen Ausbau.Klimaschutz schadet nicht der Wirtschaft – das Gegenteil ist der Fall. Die aktuelle klimawandelbedingte Situation des Niedrigwassers am Rhein kann Schätzungen des Instituts für deutsche Wirtschaft zufolge in diesem Jahr zu einem um 0,4 Prozent geringeren Wirtschaftswachstum führen – das entspricht einem Verlust von ca. 20 Mrd €. Hinzu kommt, dass in diesem Jahr laut RKI in Deutschland bereits 11.900 Hitzetote zu verzeichnen sind – die Bedrohung durch den Klimawandel ist real und wir benötigen dringend wirksame Maßnahmen, um unsere Bevölkerung ebenso wie unsere Wirtschaft zu schützen.

Sprecher

Wärmepumpen, Balkonkraftwerke, Speicher: Privatpersonen stehen vor einer Fülle an Entscheidungen. Welche Technologien lohnen sich nach Ihren Analysen heute wirklich, und welche werden häufig überschätzt?

Sprecher

Aus meiner Sicht gibt es hier keine pauschalen einfachen Antworten. Man muss immer den Einzelfall betrachten – was ist in der Wohnung oder dem Haus technisch möglich? Wie sind die finanziellen Spielräume? Gerade Wärmepumpen wurde lange nachgesagt, dass sie sich nur im Neubausegment eignen oder ihr Einsatz zwingend eine grundlegende Sanierung inkl. Verlegung einer Fußbodenheizung voraussetzt. Natürlich wäre das ideal, aber die Wärmepumpe kann je nach Gebäude auch in Bestandsgebäuden ohne große Sanierungsarbeiten gute Dienste leisten. Auch bei Speichern in Kombination mit Photovoltaik sollte man die individuellen Bedingungen berücksichtigen – Ist auch ein Elektroauto vorhanden? Könnte dieses auch bidirektional laden? Kann das Elektroauto der Speicher sein oder möchte ich diesen zusätzlich? Es gibt viele gute Beratungsangebote, die das Navigieren durch die Angebotsfülle erleichtern! Diese würde ich in jedem Fall empfehlen, damit man sich für den jeweils optimalen Technologiemix entscheidet.

Sprecher

Zum Abschluss: Wenn Sie einer Privatperson, die jetzt in erneuerbare Energien investieren möchte, einen einzigen konkreten Tipp mitgeben könnten, welcher wäre das?

Sprecher

Oha, das ist schwierig… Nicht alles passt für jeden… Jemandem, der zur Miete wohnt und keinen Balkon hat, würde ich empfehlen, sich in einer Bürgerenergiegenossenschaft zu engagieren, um gemeinschaftlich EE-Projekte voranzutreiben.

Sprecher

Maike Schmidt liefert keine beruhigenden Botschaften. Die Emissionen in Baden-Württemberg sind 2025 gestiegen statt gesunken, das 65-Prozent-Minderungsziel bis 2030 ist weit verfehlt, und die geplante EEG-Novelle hält sie für unzureichend. Gleichzeitig sieht man im Gespräch, wo Bewegung möglich ist: Photovoltaik und Balkonkraftwerke als soziales Teilhabeinstrument, Wärmepumpen auch im Bestand, Bürgerenergiegenossenschaften für alle ohne Eigenheim. Wer nach diesem Interview noch glaubt, die Energiewende laufe von selbst, hat nicht zugehört.

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