Dr. Jürgen Herler ist promovierter Biologe und Geschäftsführer von Herbios Vertikalanlagen. Er verbindet Ökologie, Permakultur und nachhaltigen Hausbau zu praxisnahen Lösungen für gebäudenahe Begrünung und resiliente Lebensräume. Seit über einem Jahrzehnt lebt er mit seiner Familie in einem biogenen, größtenteils selbst errichteten Haus im Wienerwald. Im Gespräch geht es um vertikale, essbare Begrünung, ökologische Baukonzepte und die Frage, warum Gebäude künftig wieder Teil funktionierender Ökosysteme werden müssen.
EEAktuell: Herr Herler, Sie sind promovierter Biologe und leben selbst in einem biogenen, weitgehend selbst gebauten Haus. Was hat Sie dazu gebracht, Wissenschaft, Unternehmertum und angewandte Ökologie so konsequent miteinander zu verbinden?
Dr. Jürgen Herler: Das ist ganz einfach. Die Verknüpfung von Fach- und Erfahrungswissen. Ich forsche gerne und entwickle aber auch mindestens ebenso gerne. Das lässt sich am besten tun, in dem man Ideen, die man entwickelt, auch in die Umsetzung bringt, dann wieder in die Beobachtung geht und weiter optimiert. Als Ökologe hat man es leichter als ein Techniker, bei dem Dinge eben funktionieren oder nicht.
In der Ökologie nähert man sich beständig einem Optimum an, kann dieses aber nie erreichen, da sich auch die Rahmenbedingungen ständig ändern. Irgendwann kommt dann aber der Punkt der höchsten Effizienz und man kann sich der Entwicklung neuer Systeme zuwenden. Die Meeresforschung und Ökologie, die mich die großen Prozesse lehren, und der Garten und unser Strohhaus, die das im Kleinen tun, ermöglichen mir, systemisch und integrativ zu denken. Aktuell fließen daher viele einzelne Komponenten zu einem großen ökologischen Lebensmodell zusammen.
Am Ende dieser Entwicklung wird ein weitgehend autarkes System entstehen, das mit wenig bis keiner Fremdenergie (außer der Sonne) und sehr wenig Technik und Kosten auskommt. Mein persönlicher Antrieb besteht darin, solche Systeme so kompakt und günstig wie möglich zu machen, damit sie vielen Menschen zugänglich werden. Die Fähigkeit, das selbst herzustellen, ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Entwicklungen.
EEAktuell: Viele Menschen betrachten Häuser als abgeschlossene Systeme. Sie sprechen von gebäudenaher Begrünung und resilienten Lebensräumen. Was bedeutet das konkret im Alltag?
Dr. Jürgen Herler: Ja, das stimmt und das ist leider auch institutionell so verankert. Die Architekten und Planer sowie Baufirmen sind für das Haus zuständig und die Gartenplaner und Gärtner dann für den Garten. Die wenigsten Profis denken integriert, obwohl die Systeme untrennbar verbunden sind, z.B. ist der Wasserkreislauf etwas, das das Haus mit der Umgebung stark verbindet. Wir kaufen Wasser ein, verschmutzen es und führen es wieder ab, statt es im Kreislauf zu bewegen. Regenwassernutzung ist dabei nur ein kleiner Baustein. Die Abschaffung der Wassertoilette oder zumindest die Trenntoilette wären ein sehr großer ökologischer Schritt.
Grauwasserklärung mit Pflanzen und ein Schwimmteich sind weitere bedeutende Elemente in einer ökologischen Lebensraumgestaltung. Essbare Wand- und Dachbegrünungen können den Garten sehr gut ergänzen und die verbaute Fläche so gut ersetzen, dass Häuser gar nicht mehr als Versiegelungsfläche betrachtet werden müssen. Ich habe ein kleines Nebengebäude als Prototypen, das hat 20 m2 PV-Nutzfläche und 30 m2 begrünte Oberfläche, bei nur 16 m2 verbauter Fläche. Die solare Nutzfläche ist 3x größer als die verbaute und das Regenwasser, das auf das Gebäude fällt, ist nicht ausreichend, um das Grün zu versorgen. Dort ist auch noch geklärtes Grauwasser nötig, um nicht auf Trinkwasser zur Bewässerung zugreifen zu müssen. Für mich ist es wichtig, die Grenzen zwischen Gebäude und Umgebung aufzulösen, technisch, optisch und ökologisch gesehen.
EEAktuell: Was unterscheidet eine klassische Fassadenbegrünung von einer vertikalen, essbaren Anlage. Und welchen echten Mehrwert bringt das für Bewohner:innen?
Dr. Jürgen Herler: Die typische Fassadenbegrünung begrünt große Wandflächen, die über mehrere Geschosse gehen und meist keine essbaren Pflanzen beherbergen. Da die Begrünung auch nur schwer zugänglich ist, würde das auch keinen Sinn machen. Essbare Vertikalgärten stehen im Gegensatz dazu eher in kleinen Systemen auf Balkonen und Terrassen und dienen den Bewohner:innen als Anbauflächen, Erholungsraum und Schattenspender. Letztere haben also auch unmittelbaren Nutzen für die Benutzer:innen, obwohl sie bei entsprechend intensiver Ausgestaltung auch Mikroklimawirkung haben. Ich sage auch gerne: Grünfassaden begrünen die Gebäude während Vertikalgärten die Bewohner:innen begrünen.
EEAktuell: Lohnt sich das finanziell? Kann vertikale Begrünung messbar Energiekosten senken oder geht es primär um Lebensqualität?
Dr. Jürgen Herler: Wenn man Wärmeenergie meint, wird es bei der Kostenersparnis schwierig. Im Sommer können Schattengärten jedenfalls kühlen, ähnlich wie Gründächer. Bei biochemischer Energie sieht es anders aus. Essbare Vertikalgärten sind die einzige Variante der Begrünung, die überhaupt einen direkten ökonomischen Nutzen bringen kann, der über die Kalkulation von Ökosystemdienstleistungen oder Kühlwirkung hinausgeht. Vor allem der Anbau von Kräutern kann auch ökonomisch eine Rolle spielen.
Wir haben Messungen aus Versuchsgärten, in denen 5-25 kg Kräuter mit einem Verkaufswert von 3-500 Euro/m2 und Jahr geerntet wurden. Das sind natürlich Extremwerte, die dem normalen Endverbraucher vermutlich nicht das Wichtigste sind. Es geht ja auch um Vielfalt, gesunde Lebensmittel, eine grüne Umgebung und ein gutes Mikroklima. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur mehr handeln, wenn wir einen Geldwert messen können. Das hat uns ja alle großen Probleme beschert. Als einzelne Verantwortliche, die das Leben lieben, sollten wir diesem möglichst viel Raum geben. Begrünungen gehören dazu. Ob sie sich rechnen, oder nicht.
EEAktuell: Sie arbeiten mit Prinzipien der Permakultur. Wie lassen sich diese auf private Grundstücke oder sogar urbane Mehrfamilienhäuser übertragen?
Dr. Jürgen Herler: Ich würde die Frage sogar eher umkehren, denn wer sich der ökologischen Lebensweise verschreibt, wird mit den Prinzipien der Permakultur vertraut werden oder in Kontakt kommen, ohne es vielleicht gewollt zu haben. Das Denken in Kreisläufen, der Nutzung von Sonnenenergie durch Pflanzen, auch für den Bau des Hauses selbst (Holz, Stroh, Flachs, Hanf, Zellulose, etc. sind ja Pflanzen) ist dabei unabdingbar. Die Permakultur hat diese ökologischen Prinzipien in Planungskonzepte eingebunden. Manchmal wird aus meiner Sicht sogar zu viel geplant, denn Gestaltung ist ein dynamischer Prozess. Wenn ich ein Projekt beginne, ist der kurzfristige Ausgang zwar festgelegt, der langfristige aber nicht. Daher ist es mir wichtig, dass Systeme einfach und kostengünstig sind, denn ein Umbau ist (zumindest bei mir) in den folgenden Jahren gewiss.
Auch auf einem Balkon kann ich intensiv gärtnern, kompostieren, Wasser sammeln. Da wären schon 3 wichtige Punkte erfüllt: Lebensmittelanbau, Wassernutzung, Kreislaufschließung.
In Zeiten des Klimawandels wird es immer wichtiger, bestimmte Dinge wie Dürre und Starkregen gleich mitzudenken, Systeme aber auch flexibel zu halten, damit man resilient wird und auf Veränderungen reagieren kann. Ich hab meinen Schwimmteich z.B. 2x gebaut, weil der erste zu klein war. Wasser braucht Raum, das muss man berücksichtigen. Meine Kompost-Toilette z.B. wird gerade modernisiert, damit sie angenehmer wird. Das nächste Projekt wird eine Grauwasserkläranlage. Ich weiß jetzt schon, dass der Prototyp zu klein sein wird und lasse daher Raum für eine Vergrößerung, die dann mehr kosten darf. Aber vorher läuft ein Test. Viele Menschen fürchten sich vor dem ersten Schritt. Das ist aber der einzig wichtige. Die anderen folgen von selbst…
EEAktuell: Sie leben selbst seit zwölf Jahren in einem biogenen Haus. Was sind aus Ihrer Erfahrung die größten Unterschiede zu konventionellem Bauen. In Bezug auf Energie, Gesundheit und Wartung?
Dr. Jürgen Herler: Einzigartig. Von inzwischen mehreren 100 Besucher:innen bestätigt. Der Lehmputz, der die Feuchte regelt, das Stroh, das neben guter Dämmung auch viel Wärme speichert und Schall hemmt und die Optik von Holz an Decken und Böden lässt einen sich schnell zu Hause fühlen. Dank Solarthermie und PV-Anlage haben wir keine Energiekosten und auch einen kostenlosen Betrieb unseres E-Autos. Dank Vertikalgärten und Agri-PV-Systemen im Garten und am Dach versorgen wir uns mit vielen Lebensmitteln (Kräuter, Salate, Gemüse) bereits selbst. Solartechniken und E-Auto sind quasi wartungsfrei, ein zusätzlicher Benefit. Extrem geringe laufende Kosten sind ein Indikator für den Ökologisierungsgrad eines Haushaltes. Meine monatlichen Fixkosten betragen ca. 400 Euro. Das lässt mich sehr entspannt in die Zukunft blicken, selbst in Zeiten wie diesen.
EEAktuell: Sind vertikale Begrünung und ökologische Baukonzepte nur für Idealist:innen geeignet oder sehen Sie ein realistisches Potenzial für breitere Anwendung?
Dr. Jürgen Herler: Das kann und sollte jeder machen, der einen Balkon, eine Terrasse oder gar einen kleinen Garten hat. Die vielfältige Funktion von Nutzpflanzen zu versäumen, halte ich für einen ganz großen Fehler. Beim ökologischen Bauen ist vor allem das Fehlen spezialisierter Unternehmen ein Problem und viel muss noch selber gemacht werden. Ich mache das gerne, für viele andere ist das keine Option. Die herkömmliche Bauwirtschaft, einer der größten Verursacher des Klimawandels, hat Nachhaltigkeit noch nicht entdeckt. Daher ist leider vieles auf Einzelindividuen und Interessengruppen beschränkt. In der bottom-up-Strategie liegen aber auch viele Chancen. Denn da kann auch eine Minderheit disruptive Innovationen erzeugen. Von der Politik und Großkonzernen erwarte ich wenig. Da gibt es kaum Visionäre.
EEAktuell: Wenn ein Eigenheimbesitzer:innen heute nur einen ersten Schritt gehen möchte, um sein Haus ökologischer und klimaresilienter zu gestalten. Welcher wäre das?
Dr. Jürgen Herler: Da gibt es sehr vieles und natürlich kommt es auf den Ausgangszustand an. Wenn eine Dämmung erforderlich ist, kann man mit Einblasstroh z.B. die Energiebilanz deutlich verbessern und durch das Stroh entsprechend Kohlenstoff binden. Biogene Dämmungen können auf fast allen alten Gebäuden aufgebracht werden, da sie diffusionsoffen sind. Mit einer PV-Anlage und Wärmepumpe dazu kann man emissionsfrei und günstig heizen. Natürlich würde ich essbare Wandbegrünungen empfehlen, vor allem, wenn die Fassade neu gemacht werden muss, da diese Gärten auch gleich Fassade sein können und damit Geld sparen. Und als ehemaliger Meeresbiologe bin ich ein Verfechter von Wasserflächen, bei uns natürlich in Form von Schwimmteichen. Was Poolbesitzer neben der Nutzbarkeit des Wassers als Gießwasser leider auch nicht erleben können: das wundervolle Gefühl, das entsteht, wenn man dem Treiben am und im biologischen Wasser zusieht und tiefste Entspannung erlebt, während man von Libellen umschwirrt wird und die Molchmännchen beim Balztanz beobachtet. Dort entstehen dann auch all die Ideen zur weiteren Ökologisierung des eigenen Lebens. Man muss sie nur zulassen!
Fazit
Dr. Jürgen Herler denkt Gebäude nicht als abgeschlossene Konstruktionen, sondern als Teil lebendiger Systeme. Vertikale, essbare Begrünung ist dabei kein ästhetisches Beiwerk, sondern ein funktionales Element, das Wasserkreisläufe schließt, Mikroklima beeinflusst und Menschen direkt mit Lebensmitteln versorgt. Sein eigenes Haus im Wienerwald, monatliche Fixkosten von nur rund 400 Euro inklusive, liefert den Beweis, dass ökologisches Bauen wirtschaftlich und alltagstauglich ist. Der erste Schritt muss kein großer sein, er muss nur getan werden.