Bäume als Infrastruktur: Warum Wald, Stadtgrün und Energie zusammen gedacht werden müssen

Im Gespräch mit Conrad Amber

17. 02. 2026

Conrad Amber

  • Autor
  • Naturfotograf

Conrad Amber, Jahrgang 1955, lebt und arbeitet in Dornbirn, Österreich. Conrad Amber ist Buchautor von Fachbüchern über Bäume und Denaturierung wie:

  • „Aufbäumen“
  • „Bäume auf die Dächer, Wälder in die Stadt“
  • „Baumwelten“

Er ist Vortragender, Berater, Planer und Projektumsetzer für Gründächer, Grünfassaden, Stadtbäume, Renaturierungen.
Außerdem ist er Naturfotograf und besitzt ein Fotoarchiv von europäischen Bäumen, Wäldern und Naturlandschaften.

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Conrad Amber ist Autor, Naturfotograf und einer der bekanntesten Stimmen für Wald, Bäume und naturnahe Lebensräume im deutschsprachigen Raum. Seit vielen Jahren dokumentiert er, wie sehr unser Umgang mit Natur über Klima, Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit entscheidet. In seinen Projekten verbindet er Waldschutz, Stadtbegrünung und Architektur mit einer klaren Haltung: Bäume sind keine Dekoration, sondern eine funktionale Infrastruktur.

Im Gespräch unterhalten wir uns darüber, warum Wald- und Klimaschutz oft getrennt gedacht werden, was Städte von natürlichen Ökosystemen lernen können und welche Rolle Begrünung im Zusammenspiel mit Energie, Gebäuden und Lebensräumen spielt.

EEAktuell: Herr Amber, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Wald, Landschaft und dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Gab es einen Moment oder eine Entwicklung, die Sie besonders in diesen Bereich geführt hat?

Conrad Amber: Auf den jahrelangen Reisen und Wanderungen durch Europa mit der Suche nach den letzten, ältesten Bäumen für mein erstes Buch “Baumwelten” ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich man in den Regionen mit Natur, speziell mit Bäumen umgeht. Da gibt es die wertschätzenden, erhaltenden und zukunftsorientierten Haltungen und woanders die Einstellung, alles “alte”, unordentliche und natürliche gehört weg, aufgeräumt, geordnet und gesäubert. Die unmittelbare Wirkung auf die physische und seelische Gesundheit der Menschen ist eklatant. Das wollte ich erforschen und dokumentieren.

EEAktuell: Ihr Blick auf Natur ist stark geprägt durch jahrzehntelange Beobachtung und Dokumentation. Was hat sich in Ihrem Verständnis von Wald und Landschaft im Laufe der Zeit am meisten verändert?

Conrad Amber: Mit dem vorgeschobenen Argument, man müsse davon leben, was man eben tut, wird alles andere verdrängt. Mit dem Verschwinden der Arten, mit dem Normieren und Rationalisieren der Natur kann vielleicht kurzfristig Geld verdient werden, aber es schadet uns langfristig gewaltig. Ich habe verstanden, dass nur ein Leben MIT der Natur sinnvoll und zukunftsfähig, also verantwortungsvoll ist. Und genau das lebe ich seit vielen Jahren. Ich habe gelernt, dass viele übernommene Traditionen und Gewohnheiten nicht wirklich naturschonend sind und dass ich durch deren Hinterfragung (und Veränderung) sehr viel Positives erreichen konnte. Lebensqualität, Gesundheit, Zufriedenheit, soziale Kontakte werden besser und beständiger. Das möchte ich vielen Menschen vorzeigen und mitteilen.

EEAktuell: In der öffentlichen Debatte wird Klimaschutz häufig auf Energie reduziert. Wo greift dieser Blick aus Ihrer Sicht zu kurz, wenn es um Wald, Natur und Lebensräume geht?

Conrad Amber: Energie ist tatsächlich ein sehr wichtiges Thema, denn durch das Jahrhunderte lange Verbrennen fossiler Stoffe haben wir unfassbar viel CO2 in die Atmosphäre gepumpt und das ist einer der Hauptgründe für die Klimaveränderung. Das ginge anders, schonender und manchmal auch günstiger. Je mehr Bäume in unserer Umgebung stehen, umso ausgeglichener ist das Mikroklima, die Atemluft ist gesünder, der Wasserhaushalt im Boden regulierter usw. Je mehr Naturtrittsteine wir in unseren Dörfern und Städten haben (Bäume, grüne Fassaden, Gründächer, entsiegelte Flächen wie Parkplätze und Straßenränder usw.) umso besser wird für uns die Lebensqualität. Damit steigt die Luftqualität und Artenvielfalt, Überhitzung und die Überschwemmungsgefahr wreden eingedämmt. Wir brauchen die Naturräume als unsere ständigen Begleiter und nicht nur am Wochenende oder im Urlaub.

EEAktuell: Wälder gelten als wichtige CO₂-Senken. Gleichzeitig stehen sie unter enormem Druck. Welche Rolle kann aktiver Waldschutz Ihrer Meinung nach realistisch im Klimasystem spielen?

Conrad Amber: Über 95 % unserer Wälder sind Wirtschaftswälder, wurden also von uns “angelegt”. Leider manchmal die falschen Baumarten an unpassenden Standorten. Der Holznutzen ist enorm und man produzierte Holz ohne Rücksicht auf die natürlichen Faktoren. Das rächt sich jetzt und wir verlieren Waldflächen und Biomasse. Wichtig und richtig ist es, Mischwälder anzulegen (bzw. natürlich aufkommen zu lassen), damit die richtigen Baumarten an den jeweiligen Standorten sind. Das Einbringen neuer, südlicher Baumarten für künftige Hitze-Szenarien scheint mir richtig.

Nur stabile Waldgesellschaften überstehen Trockenzeiten und Starkwetter-Ereignisse. Nicht nur das nachwachsende Holz der Bäume speichert CO2, sondern auch der Waldboden. So sollten wenigstens 10 % der Waldflächen in Naturwälder umgewandelt und deren Bestand erhalten und gesichert werden. Denn dort leben die Nützlinge (wie Vögel, Insekten usw.), die Schadinsekten (wie etwa Borkenkäfer) in Schach halten können. Wir müssen wieder stärker auf die Naturzusammenhänge achten und sie fördern. Wälder gehören zu den größten und wichtigsten CO2-Speicher unserer Erde, sie können Klima ausgleichen und kühlen und – was ganz wichtig ist – nur intakte Wälder halten unsere Trinkwasser-Reserven zurück.

EEAktuell: Unsere Leser:innen beschäftigen sich stark mit erneuerbaren Energien, Wärmepumpen und Gebäudeeffizienz. Wo sehen Sie Schnittstellen zwischen technischer Energiewende und natürlicher Klimaanpassung?

Conrad Amber: Es wird eine Kombination neuer Techniken mit naturnahen Lösungen geben müssen. Beide sind wirkungsvoll und können sich ergänzen. Eine Grünfassade kann beispielsweise eine Klimaanlage zur Gebäudekühlung ersetzen. Eine Wärmepumpe macht das Verbrennen von klimaschädlichen Brennstoffen überflüssig. Mir ist wichtig, den Naturaspekt besonders in den Vordergrund zu stellen. Denn das Leben mit Pflanzen und Natur birgt ungeahnte Vorteile. Das Beobachten der Tierwelt zb (Schmetterlinge, Singvögel, Bienen usw) und das Arbeiten mit Erde und Pflanzen ist für unsere Gesundheit essentiell. Dieser Erholungswert ist durch technische Lösungen nicht aufzuwiegen!

EEAktuell: Sie arbeiten viel mit Kommunen, Planer:innen und Entscheidungsträger:innen. Wo scheitert die Integration von Natur in Bau- und Energieplanung heute am häufigsten und was könnte man besser machen?

Conrad Amber: Schon öfters musste ich erkennen, dass in den Amtsstuben und Regelwerken die heutigen Naturlösungen noch nicht angekommen sind. Da gibt es Bedenken, Vorgaben und Vorschriften die unsinnig und noch aus dem vorigen Jahrtausend stammen. Das ist hinderlich und erstickt so manche Vision. Hier wünschte ich mir mehr Mut und Freude am Neuen und Experimentieren. Es ist noch in vielen Köpfen von Entscheidern und Handwerkern verankert, dass zB Pflanzen am Flachdach gefährlich sind und unkontrollierbar. Dass Rankpflanzen die Fassade beschädigen und dass Bäume “Dreck” machen. Das ist natürlich alles Unsinn und sollte richtig gestellt werden. Wir haben nur diese Chance!

EEAktuell: Welche Denkfehler begegnen Ihnen besonders häufig, wenn es um Wald, Begrünung und Klimawirkung geht?

Conrad Amber: Dass (s.o.) Natur per se gefährlich ist, kontrolliert und gezüchtigt gehört. Da haben wir noch Jahrhunderte alte Ängste abgespeichert. Wenn ich argumentiere, dass zB ein Baum relativ langsam wächst und jederzeit beobachtet, eingekürzt oder – wenn nicht anders möglich – auch gefällt werden kann. Trotzdem haben die Menschen Angst davor, einen Baum zu pflanzen, weil er in vielleicht 50 Jahren “zu groß” sein könnte. Dasselbe auch bei den Rankpflanzen an Fassaden. Diese würden das Gebäude “kaputt” machen und dauerhaft beschädigen, was einfach nicht stimmt. Auch hier gilt: die richtige Pflanzenart an der passenden Fassade, oder die richtige Konstruktion (zb vorgestellte Netze und Klettergerüste für Ranker und Spalierobstbäume) und kein Schaden passiert.

Im Wald würde ich mir öfters (besonders von Förstern und Verantwortlichen) mehr Wildheit wünschen, Totholzbäume sollten stehen bzw. liegen gelassen werden und das dauernde Eingreifen und Korrigieren reduziert werden. Viele glauben immer noch, sie seien klüger als die Natur oder müssen dem Baum oder dem Wald zeigen, wie er zu funktionieren hat. Diese menschliche Überheblichkeit – und damit auch Unwissenheit – erschreckt mich immer wieder!

EEAktuell: Wenn Sie auf die nächsten zehn bis zwanzig Jahre blicken. Welche Rolle werden Wälder, Stadtgrün und natürliche Systeme im Alltag der Menschen spielen müssen, damit Klimaanpassung gelingt?

Conrad Amber: Wenn es um die Zukunft geht, dann gilt dies: wir können nicht genug Waldflächen haben und Bäume und Grünflächen in unseren Städten. Leider ist dies bei manchen kurzfristig handelnden Menschen in der Politik und Wirtschaft nicht angekommen, bzw. sind ihnen rasche Erfolge wichtiger, als langfristiges Denken und Handeln. Wir wissen, dass sich das Klima noch extremer entwickeln wird. Ein Leben damit wird zumindest schwieriger und gefährlicher. Aber viele Auswirkungen (wie etwa auf den Wald, auf die Landwirtschaft, auf den Tourismus usw.) werden dramatisch sein und unser Leben verändern. Nur mit möglichst viel Natur um uns herum können wir die Auswirkungen mildern bzw für uns angenehmer machen. Das sollte bei wirklich jeder Entscheidung für Veränderungen mitgedacht werden.

EEAktuell: Zum Abschluss: Viele Menschen wollen etwas tun, fühlen sich aber zwischen globaler Krise und kleinen Maßnahmen hin- und hergerissen. Was kann jede:r Einzelne aus Ihrer Sicht tun?

Conrad Amber: Wir können in unserem Umfeld sehr viel bewirken und verändern. Die Balkonpflanzen, das Gründach, die grüne Fassade, der Baum vor dem Haus oder im Garten, der entsiegelte Parkplatz…das sind alles Maßnahmen, die möglich sind und oft nicht viel kosten. Wenn das tausende Menschen machen, haben wir tatsächlich Einfluss auf das regionale Klima und können damit angenehmere Lebensbedingungen schaffen.

Wir haben auch mit unserem Konsum, mit unserem Reiseverhalten und vor allem mit unserer Nahrung sehr großen Einfluss auf das Weltklima. Denn, wenn Millionen von Europäern zB weniger Fleisch essen (was ja ohnehin klug und gesünder wäre), verringert sich der Methanausstoss auf der Welt. Methan ist über 20 mal aggressiver als CO2. Mit so einfachen Änderungen können wir also schon einen erheblichen Beitrag leisten, ohne dass wir unsere Lebensqualität einschränken. Kostet nichts, spart Geld und wirkt…

Und zum Schluß noch meinen Amber-Rat: Pflanze einen Baum, gib ihm einen Namen und sorge dafür, dass er dich überlebt. Wann: sofort, wo: egal!

Fazit

Conrad Amber fordert, Natur nicht länger als schmückendes Beiwerk zu betrachten, sondern als tragende Infrastruktur. Wälder, Stadtbäume, Grünfassaden und entsiegelte Flächen übernehmen Funktionen, die keine technische Lösung vollständig ersetzen kann. Sie regulieren Mikroklima, speichern Wasser, verbessern Luftqualität und stabilisieren Ökosysteme.

Seine Perspektive erweitert die Energiedebatte um eine entscheidende Dimension. Klimaanpassung gelingt nur, wenn technische Innovation und natürliche Systeme gemeinsam gedacht werden. Wer Gebäude dämmt, Wärmepumpen einbaut oder Solarenergie nutzt, sollte zugleich prüfen, wo Begrünung, Biodiversität und Bodenschutz integriert werden können.

Der zentrale Impuls lautet: Verantwortung beginnt im direkten Umfeld. Ob Balkon, Garten, Quartier oder Kommune. Jede Entscheidung für mehr Natur stärkt Resilienz, Lebensqualität und langfristige Zukunftsfähigkeit.