Gerd Kommer im Interview: Wo für den ETF-Papst die Grenzen nachhaltiger Geldanlage liegen

Ein Holztisch am Fenster, auf dem ein ETF-Buch von Gerd Kommer, eine Zeitung mit einer Finanzgrafik, eine Tasse und eine Brille liegen.

Im Interview mit

Dr. Gerd Kommer

Gründer und Geschäftsführer

Vermögensverwaltung

Gerd Kommer Invest GmbH

Dr. Gerd Kommer studierte BWL, Steuerrecht, Germanistik und Politikwissenschaft in Deutschland, den USA und Liechtenstein. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Gerd Kommer Invest GmbH. Bekannt wurde er u.a. durch sein Buch “Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“.

Im Interview mit

Dr. Gerd Kommer

Gründer und Geschäftsführer

Vermögensverwaltung

Gerd Kommer Invest GmbH

Dr. Gerd Kommer studierte BWL, Steuerrecht, Germanistik und Politikwissenschaft in Deutschland, den USA und Liechtenstein. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Gerd Kommer Invest GmbH. Bekannt wurde er u.a. durch sein Buch “Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“.

Zum Interview

Dr. Gerd Kommer gilt als einer der bekanntesten Vertreter des passiven, wissenschaftlich fundierten Investierens mit Kapitalmarktanlagen im deutschsprachigen Raum. Nach mehr als zwei Jahrzehnten im Firmenkundengeschäft von großen Banken gründete er 2017 die Gerd Kommer Invest GmbH in München. Sein 2023 aufgelegter globaler Aktien-ETF verbindet so genanntes Faktorinvesting mit einer eng gefassten ESG-Prüfung und berührt damit eine Frage, die auch viele EEAktuell-Leser:innen beschäftigt: Wie verträgt sich der Anspruch auf maximale Rendite mit dem Wunsch, mit dem eigenen Geld tatsächlich etwas zu bewegen? Im Interview erklärt Kommer, wo für ihn die Grenzen der nachhaltigen Geldanlage liegen und worauf Anlegerinnen und Anleger jenseits von Marketingversprechen achten sollten.

Sie haben nach mehr als zwei Jahrzehnten im institutionellen Bankwesen 2017 mit Gerd Kommer Invest ein eigenes Unternehmen gegründet. Wie kam es zu diesem Schritt, was war der Auslöser, und welches übergeordnete Ziel verfolgen Sie mit Ihrem Unternehmen?

Sprecher

Ich war damals 53, glücklicher Firmenkunden-Banker und hatte 16 Jahre zuvor angefangen als privates Hobby Finanzratgeberbücher zum Thema „wie kann ich als kleine:r Privatanleger:in mein Geld auf der Grundlage der Wissenschaft des Investierens anlegen” zu schreiben, also nicht auf der Basis von subjektiven und oft interessenkonfliktbelasteten Meinungen oder Prognosen. Das war damals ein Thema, das im deutschsprachigen Raum im Privatanleger:innengeschäft noch völlig unbekannt war. Nachhaltiges Investieren gab es 2017 natürlich auch schon, aber es war zu der Zeit noch relativ „nischig“.

Sprecher

Ihr Weltportfolio-Konzept basiert auf der modernen Portfoliotheorie. Mit dem 2023 gestarteten Gerd-Kommer-ETF haben Sie erstmals auch ESG-Kriterien eingebaut, allerdings mit einem vergleichsweise engen Ausschlusskatalog: Von rund 5.000 Unternehmen, die dem im ETF abgebildeten Aktienindex entsprechen, fallen nur etwa 300 wegen schwerer Verstöße heraus. Warum haben Sie sich für diesen zurückhaltenden Ansatz entschieden und nicht für eine strengere Nachhaltigkeitsfilterung?

Sprecher

Letzten Endes haben wir den Nachhaltigkeitsfilter im Index, den unser ETF abbildet, aus zwei Gründen auf das Herausselektieren der „schwersten Sünder“ beschränkt. Grund 1 war, dass ich persönlich glaube, dass es in erster Linie der Gesetzgeber – also letztlich wir als Wähler – sein sollte, der Nachhaltigkeitsregeln für die Unternehmen und Privatpersonen vorgibt, die diese dann alle einzuhalten haben. Das erscheint mir als der fairste und effizienteste Weg. Grund 2 war, dass wir als Unternehmen ein Anlageprodukt schaffen wollten, das möglichst vielen Menschen interessant erscheint. Ein zu starker, zu radikaler Fokus auf Nachhaltigkeit hätte das vielleicht behindert. Dennoch wollten wir den ESG-Aspekt zumindest in dieser Basisform umsetzen.

Sprecher

Die Stiftung Warentest schreibt, für Anlegerinnen und Anleger, denen es „ernst“ mit nachhaltiger Aktienauswahl ist, sei der ETF eher nichts. Wie ordnen Sie diesen Vorwurf ein?

Sprecher

Ich sehe das nicht so, aber schlussendlich kann und wird die Stiftung Warentest natürlich schreiben, was sie will. Ich muss allerdings sagen, dass mir bei der Stiftung oft nicht einleuchtet, wie das, was sie auf dem Feld der Geldanlage schreibt und sagt, zum Verbraucherschutz, ihrer Kernaufgabe, beitragen soll. Beispielsweise propagiert die Stiftung immer wieder so genanntes aktiv gemanagtes Investieren oder auch so genannte Fonds-Ratings. Beides passt ziemlich klar nicht zu Verbraucherschutz, wie ihn Wissenschaftler verstehen.

Sprecher

Sie äußern sich in Ihren Büchern kritisch zu vielen aktiven Nachhaltigkeitsfonds. Woran machen Sie fest, ob eine Geldanlage tatsächlich ökologische Wirkung entfaltet?

Sprecher

Fundamental bin ich davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft, um Umweltschutz in unserer Welt von acht Milliarden Menschen so langfristig wirksam und praxisrelevant wie möglich umsetzen zu können, erstens weiterhin technischen Fortschritt brauchen und zweitens Wirtschaftswachstum. Dieses „Tandem“ hilft uns besseren und mehr Umweltschutz zu praktizieren und die Kosten für diesen Umweltschutz zu decken, ohne dabei Menschen hierzulande oder in anderen Staaten „etwas wegnehmen“ zu müssen. Wer Letzteres tut oder anstrebt, wird das allgemeine Commitment der Menschen und der Menschheit zu Umweltschutz mindern, nicht stärken. Wenn man dieser Ansicht ist, dann muss man nach meiner Ansicht so investieren, wie wir es mit unserem Aktien-ETF und in unserer Vermögensverwaltung tun.

Sprecher

Dreieinhalb Jahre nach Auflage liegt der Gerd-Kommer-ETF nicht durchgehend über dem selbst gesteckten Ziel, den MSCI World langfristig um 1 bis 1,5 Prozentpunkte pro Jahr zu schlagen. Wie bewerten Sie diese ersten dreieinhalb Jahre, und ab welchem Zeitraum lässt sich aus Ihrer Sicht seriös beurteilen, ob Faktor-Investing funktioniert?

Sprecher

In den dreieinhalb Jahren, seit es den ETF gibt, haben wir eine nahezu identische absolute Rendite wie ein MSCI World-ETF erzielt. Bei der risikogewichteten Rendite, also der Rendite unter Berücksichtigung von Risiko, sind wir sogar exakt identisch. Den durchschnittlichen aktiv gemanagten globalen Aktienfonds haben wir sehr deutlich geschlagen. Zugleich enthält unser ETF weniger Klumpenrisiken als ein MSCI World-ETF und bildet ein heute günstiger bewertetes Aktienportfolio ab. Vorwärtsgerichtet dürften beides Vorteile in Bezug auf Rendite und Risiko sein. Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit dem ETF und die Anleger:innen haben das Konzept schön angenommen. Wir stehen jetzt bei rund 1,7 Mrd. Euro Anlagevolumen.

Noch zu Ihrer Frage in Sachen Faktor-Investing, so wie der ETF es umsetzt: Renditemäßig hat es seit der Auflage des Fonds weder geholfen noch geschadet, aber das ist völlig OK. Factor Investing ist ein Langfristansatz. Auf lange Sicht wird es die moderate Mehrrendite liefern, die der Fonds anstrebt. Ich persönlich investiere mein Geld seit über 25 Jahren mit einem Factor Investing-Fokus. Bei mir hat das gut funktioniert.

Sprecher

Mit Gerd Kommer Capital bieten Sie auch einen Robo-Advisor an, der bereits ab 20 Euro Sparbetrag zugänglich ist. Wie unterscheidet sich der Nachhaltigkeitsansatz dort vom ETF?

Sprecher

Unsere Robo-Strategie – Gerd Kommer Capital – verfolgt keinen spezifischen Nachhaltigkeitsfokus. Anlegerinnen, die einen solchen anstreben, können das auf der gleichen Website über die Auswahl einer ESG-orientierten Strategie bei unserem Robo-Geschäftspartner Scalable Capital tun.

Sprecher

Was raten Sie EEAktuell-Leser:innen, die wissenschaftlich fundiert und kosteneffizient investieren, gleichzeitig aber auch mit ihrem Geld etwas für Klimaschutz und erneuerbare Energien bewirken wollen?

Sprecher

Wer als normale:r Privatanleger:in wissenschaftlich orientiert, regelbasiert, prognosefrei und kosteneffizient investieren möchte, der muss meines Erachtens zunächst einmal „passiv“ investieren und sich produktseitig für ETFs entscheiden. Innerhalb der Welt der passiven ETFs existieren heute erfreulich viele Produkte – sowohl Aktien-ETFs als auch Anleihe-ETFs – mit Nachhaltigkeitsausrichtung nach beinahe jedem Geschmack und jeder Intensität: in einer milden Form wie in unserem ETF oder in intensiveren Formen wie bei anderen. Die Finanzbranche hat hier in den letzten Jahren eine erfreuliche Vielfalt von Produkten geschaffen. Wer sich ein klein wenig damit beschäftigt, der wird etwas finden, was den eigenen Anschauungen entspricht.

Sprecher

Gerd Kommer bezieht eine klare Position: Nachhaltigkeitsregeln gehören für ihn in die Hand des Gesetzgebers, ökologische Wirkung entsteht aus technischem Fortschritt und Wirtschaftswachstum. Folgerichtig sortiert sein ETF nur die schwersten Verstöße aus, rund 300 von etwa 5.000 Unternehmen. Uns bei EEAktuell reicht dieser Basisfilter nicht. Wer mit dem eigenen Depot gezielt Klimaschutz und erneuerbare Energien unterstützen will, findet darin zu wenig Orientierung. Wertvoll bleibt das Gespräch trotzdem, weil Kommer seine Abwägung offen begründet und am Ende selbst auf ETFs mit strengerer Nachhaltigkeitsausrichtung verweist.

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