Plattforminsolvenzen im Crowdinvesting

Sandra Horling über Risiko, Prüfung und das EEG 2027
Eine Person zählt Euro-Banknoten an einem Schreibtisch, auf dem Unterlagen, ein Taschenrechner, ein Stift und elektronische Geräte liegen – vielleicht prüft sie Dokumente zum Thema Crowdinvesting oder verfolgt aktuelle Meldungen zu Plattforminsolvenzen.

Im Interview mit

Sandra Horling

Sandra Horling hat Grüne Sachwerte im Frühjahr 2012 gemeinsam mit ihrem Mann Michael Horling in Bremen gegründet und den strategischen Aufbau des Unternehmens von Anfang an mitverantwortet. Seit November 2021 ist sie förmlich Teil der Geschäftsführung und verantwortet dort federführend Marketing, Strategie und Personal. Die gebürtige Rheinländerin bringt internationale Erfahrung aus Stationen in Neuseeland, den USA, Frankreich und der Schweiz mit. Grüne Sachwerte vermittelt seit über einem Jahrzehnt Beteiligungen an Solar- und Windenergieprojekten und betreibt seit August 2023 eine eigene Crowdinvesting-Plattform.

Im Interview mit

Sandra Horling

Sandra Horling hat Grüne Sachwerte im Frühjahr 2012 gemeinsam mit ihrem Mann Michael Horling in Bremen gegründet und den strategischen Aufbau des Unternehmens von Anfang an mitverantwortet. Seit November 2021 ist sie förmlich Teil der Geschäftsführung und verantwortet dort federführend Marketing, Strategie und Personal. Die gebürtige Rheinländerin bringt internationale Erfahrung aus Stationen in Neuseeland, den USA, Frankreich und der Schweiz mit. Grüne Sachwerte vermittelt seit über einem Jahrzehnt Beteiligungen an Solar- und Windenergieprojekten und betreibt seit August 2023 eine eigene Crowdinvesting-Plattform.

Zum Interview

Im Juli 2026 hat die Dresdner OneCrowd-Gruppe, zu der die Nachhaltigkeitsplattform Econeers gehörte, für drei Gesellschaften Insolvenzanträge gestellt. Damit trifft es einen der ältesten Anbieter im deutschen Crowdinvesting. Sandra Horling führt mit Grüne Sachwerte aus Bremen eine deutlich kleinere Plattform, die seit August 2023 Beteiligungen an Solar-, Agri-PV- und Ladeinfrastruktur-Projekten vermittelt. Parallel steht mit dem Referentenentwurf zum EEG 2027 eine Reform im Raum, die die Förderlogik für Agri-Photovoltaik verschiebt. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was eine Plattforminsolvenz für Anleger:innen bedeutet, welche Lehren sie aus dem eigenen Projektausfall zieht und wie tragfähig Agri-PV-Investments unter neuen Förderbedingungen bleiben.

Sie haben Grüne Sachwerte 2012 gemeinsam mit Michael Horling gegründet, nach beruflichen Stationen in den USA, Frankreich, der Schweiz und Neuseeland. Was gab damals den Ausschlag, ausgerechnet in den Bereich ökologische Geldanlagen einzusteigen?

Sprecher

Mein Mann hatte schon seine Diplomarbeit über ökologische Geldanlagen geschrieben und seitdem auch schon bei anderen Unternehmen in diesem Bereich gearbeitet. Wir sahen großes Potenzial, da wirtschaftlich rentabel und politisch und gesellschaftlich notwendig. Weil wir über die Finanzierung von Sachwerten wie Solar- und Windparks, den größten Impact sahen, haben wir Grüne Sachwerte gegründet.

Sprecher

Im Juli 2026 hat OneCrowd für drei Gesellschaften Insolvenzanträge gestellt. Die vorläufigen Insolvenzverwalter betonen, die Verträge zwischen Anleger:innen und Emittenten seien nicht Teil der Insolvenzmasse. Was bedeutet eine Plattforminsolvenz in der Praxis für jemanden, der über diese Plattform gezeichnet hat?

Sprecher

Die Plattform wird derzeit weiterhin betrieben. Die Datenverwaltung und Datensicherung erfolgen unverändert über OneCrowd. Die Zeichner:innen haben also immer noch Zugriff auf ihre Daten. Sollte die OneCrowd-Plattform künftig nicht mehr betrieben werden, sollte es so sein, dass die Daten der Investor:innen den betroffenen Emittenten zur Verfügung gestellt werden. Die Emittenten und/oder wir als Vermittler werden den Investor:innen dann eine Lösung präsentieren. Das Ziel eines Insolvenzverfahrens ist es aber, den laufenden Betrieb und die Plattform aufrechtzuerhalten und eine Lösung zu finden.

Sprecher

Der deutsche Crowdinvesting-Markt für erneuerbare Energien wächst seit Jahren, gleichzeitig verschwinden mit OneCrowd nun etablierte Namen. Ist das für Sie eine Marktbereinigung, die kleinere und spezialisierte Anbieter eher stärkt, oder ein Vertrauensproblem, das die ganze Anlageklasse trifft?

Sprecher

Leider glaube ich, dass die Pleitewelle eher das Vertrauen in das Vehikel Crowdinvesting mindert. Und es ist sehr schwer, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Es reicht nicht, dass man sagt, dass wir es besser machen als die großen Plattformen. Hier sieht man halt, dass Masse nicht gleich Qualität bedeutet.

Sprecher

Wie ist das bei Grüne Sachwerte strukturiert? Anleger:innen zeichnen über Ihre Plattform, das Kapital fließt an die jeweilige Projektgesellschaft. Wer wickelt die Zahlungsströme ab, wer führt das Reporting, und welche dieser Schritte laufen unabhängig von Ihrem Unternehmen weiter?

Sprecher

Genau, das Geld bzw. die Investmentsumme fließt direkt vom Kund:in in die Projektgesellschaft. Wir vermitteln nur. D.h. wir prüfen die Projekte, den Emittenten, suchen Anleger:innen und bringen Anleger:innen und Emittent zusammen. Wir informieren die Investor:innen auch regelmäßig über die Fortschritte des Projekts. Unabhängig von uns laufen die Zinszahlungen, Tilgungen und Rückzahlungen, also das finanzielle.

Sprecher

Wer heute investieren will, muss sich für eine Plattform entscheiden. Ist deren Größe dabei ein sinnvolles Kriterium? Für kleine Anbieter spricht die persönliche Prüfung jedes einzelnen Projekts, dagegen sprechen eine dünnere Kapitaldecke und weniger Streuung im Portfolio. Wie sehen Sie das?

Sprecher

Wie man ja an dem Fall Onecrowd sieht, hat die Größe bzw. die Anzahl der Angebote auf der Crowdplattform nichts über die Bonität einer Plattform zu sagen. Wichtig ist, dass die angebotenen Projekte auch wirklich geprüft werden und zwar im Sinne der Anleger:innen und nicht in dem Sinne, die Plattform zu bestücken. Wenn das Projekte etwas risikoreicher ist, dann muss das in der Beschreibung auch ausgeführt werden. Dass kleine Anbieter eine geringere Streuung im Angebot haben, würde ich nicht sagen. Die Angebote sind an sich ja unterschiedlich, sind oft nur nicht gleichzeitig auf der Plattform, sondern kommen nach und nach. Eine dünne Kapitaldecke hatten die großen Plattformen ja auch, wie man an den Insolvenzen sieht. Die Kapitaldecke würde ich nicht an der Größe einer Plattform festmachen. Es lohnt also, bevor man investiert, sich den Jahresabschluss der Plattformbetreiber anzusehen. Die findet man öffentlich und kostenfrei im Unternehmensregister.

Sprecher

Kein Anbieter bleibt von Ausfällen verschont. Wie viele Projektinsolvenzen gab es bisher in Ihrem Portfolio, an welchem Punkt hat Ihre Prüfung das Risiko nicht erfasst, und wie viel haben die betroffenen Anleger:innen zurückerhalten?

Sprecher

Über unsere Crowdplattform hatten wir bisher eine Insolvenz, bei einem Unternehmen für neue E-Ladesäulen. Außerhalb der Plattform hatten wir bei unseren anderen Finanzprodukten, in den bisherigen 14 Geschäftsjahren, bis jetzt drei Insolvenzen. Bis auf ein Projekt sind die Projekte im vorläufigen Insolvenzverfahren.

Alle Insolvenzen sind letztes und dieses Jahr eingetreten. Alle Projekte haben mit den veränderten bzw. oft noch unklaren energiepolitischen Rahmenbedingungen zu kämpfen gehabt. Das im Vorfeld abzuschätzen ist sehr schwierig. Bei einer Vermögensanlage für nachhaltige Wärmeversorgung kam noch der Ukraine-Krieg sowie anschließend die Immobilienkrise erschwerend hinzu.

Bei den drei sich im vorläufigen Insolvenzverfahren befindenden Projekten können wir noch nicht sagen, ob und wieviel die Anleger:innen von ihrem investierten Geld zurückerhalten. Bei dem abgeschlossenen Projekt haben die Anleger:innen einen Totalverlust erlitten.

Bei den Prüfungen geht es ja nicht darum, dass wir oder Emittenten etwa alle Risiken vermeiden können: Es geht darum, dass Risiken klar erkennbar sind und Anleger:innen dann gemeinsam mit uns die für sie adäquaten Produkte wählen können, in einem Spektrum von „sehr stabil“ bis zu „sehr unternehmerisch bzw. riskant mit hohen Chancen“.

Sprecher

Was hat sich in Ihrem Prüfprozess seitdem verändert? Interessant ist vor allem, welches Kriterium heute zum Ausschluss führt, das früher noch keines war.

Sprecher

Ich merke, dass wir einfach pessimistischer an die Prüfung rangehen. Wir betonen jetzt noch stärker, dass nicht beeinflussbare Ereignisse ein gutes Konzept ins Wanken bringen können. Nichts ist sicher heutzutage. Aber ein einzelnes neues Ausschlusskriterium haben wir nicht. Wir sind generell eher strenger und gehen vom worst-case Szenario aus – man muss bei unternehmerischen Geldanlagen eben auch zeigen, dass Risiken mit dazugehören. Aus den jüngsten Erfahrungen werden wir allerdings bei kleineren Projektentwicklungs-Unternehmen zurückhaltender sein müssen, denn in hektischen Zeiten und unstetiger Politik sind die Variablen hier einfach sehr hoch!

Sprecher

Der Referentenentwurf zum EEG 2027 sieht für Agri-PV und Moor-PV einen Bonus von 0,5 Cent je Kilowattstunde vor, streicht nach Kritik von Verbänden wie dem DGRV aber die gesonderten Ausschreibungen. Der Verband für nachhaltige Agri-Photovoltaik warnt, dem Segment werde die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Wie fällt Ihre Rechnung aus?

Sprecher

Das neue EEG in dieser Form ist schon ein Angriff auf die Energiewende, mit vielen verschiedenen Verschärfungen – auch wenn manches auf den ersten Blick nett klingt. Gerade für Agri-PV-Projekte, die oftmals von der Anlage her teurer sind, ist der Wegfall einer gesonderten Förderung bitter, zumal die Förderung während der Vorgänger-Regierung schon durch Bundestag und Bundesrat durch war. Ein Bereich, der Landwirtschaft und Energieproduktion verbindet, wird sehenden Auges geschwächt – ein schlechtes Signal! Für den Bereich der vertikalen Agri-PV mit Ost-West-Ausrichtung, den wir seit Jahren verfolgen, fällt das nicht so stark ins Gewicht, da hier aktuell die Wirtschaftlichkeit nach wie vor gut ist.

Sprecher

Sie vermitteln selbst Agri-PV-Beteiligungen. Der Entwurf sieht für Agri-PV einerseits einen Bonus von 0,5 Cent je Kilowattstunde vor, streicht andererseits die gesonderten Ausschreibungen. Wie wirkt sich das in Summe auf Ihre laufenden und auf neu gezeichnete Agri-PV-Beteiligungen aus?

Sprecher

Wir arbeiten seit mehreren Jahren mit Agri-Solarparks, die bifaziale Module vertikal in Ost-West-Ausrichtung installieren. Hierbei können Landwirte zwischen den Modulen weiter ihrer Arbeit nachgehen, und die Solaranlage produziert in dieser Konzeption vormittags und nachmittags Strom – also zu den Tageszeiten mit der höchsten Vergütung an der Strombörse. Dieser Bereich hat aktuell einen klaren „Business-Case“ am Markt, der Wegfall gesonderter Förderungen kann verkraftet werden. Immer mehr Banken und auch Investoren verstehen das inzwischen. Aktuell ist es eher so: Während Süd-Solarparks nahezu nicht mehr ohne Speicher gebaut werden können – wodurch sich das Chance-Risiko-Profil verschiebt – können ost-west-vertikal errichtete Solarparks auch ohne Speicher rentabel arbeiten. Und nehmen als Agri-PV auch fast keinen Platz weg. Und die 0,5 Cent/kWh höhere Vergütung ist als Ausgleich für die leicht höheren Anfangs-Investitionen einfach angemessen. Diese Beteiligungen bleiben damit für unsere Kund:innen wirtschaftlich hoch attraktiv – und ökologisch voller Impact!

Sprecher

Zum Abschluss ein praktischer Rat: Woran prüfen Leser:innen vor der ersten Zeichnung, wie stabil die Plattform selbst ist, über die sie investieren?

Sprecher

Investor:innen sollten sich die Historie und die Zahlen ansehen. Wieviel wurde schon vermittelt und wieviele Insolvenzen gab es. Wie steht der Plattformbetreiber wirtschaftlich da. Auch einfach gerne anrufen und offen danach fragen. Gute, transparente Plattformen geben Auskunft.

Wichtiger finde ich aber, sich das Unternehmen hinter der Plattform anzusehen. Oft bekommt man einen Eindruck, was für Menschen dort arbeiten. Über all die Jahre habe ich gelernt, dass das Bauchgefühl oft recht hat und auch bei wirtschaftlichen Entscheidungen nicht ausgeblendet werden darf.

Sprecher

Sandra Horlings Antworten liefern einen seltenen Einblick in die Kehrseite des Crowdinvesting-Booms: Sie beziffert öffentlich, wie viele Projekte in ihrem eigenen Portfolio insolvent gingen, und benennt einen Totalverlust für Anleger:innen. Gleichzeitig widerspricht sie der naheliegenden These, kleine Plattformen seien allein wegen ihrer Größe sicherer, und verweist stattdessen auf den öffentlich einsehbaren Jahresabschluss als konkretes Prüfkriterium. Beim EEG 2027 positioniert sie sich klar gegen den Wegfall der gesonderten Agri-PV-Förderung, sieht ihr eigenes Segment der vertikalen Ost-West-Anlagen davon aber kaum betroffen.

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