Ökostrom, Mieterstrom und die Frage nach echter Nachhaltigkeit: Florian Henle im Gespräch

Unter einem strahlend blauen Himmel erstrecken sich Stromleitungen über eine Wiese, flankiert von Bäumen auf beiden Seiten, während im Hintergrund in der Ferne Windkraftanlagen zu sehen sind – ein Bild, das die Landschaft veranschaulicht, in der die Wirtschaftlichkeit von Mieterstrom für nachhaltige Energielösungen zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Im Interview mit

Florian Henle

CEO Polarstern

Florian Henle ist Gründer und CEO von Polarstern, einem unabhängigen Ökoenergieversorger für Haushalte, Gewerbe und Quartiere. Seit über einem Jahrzehnt setzt er sich für die dezentrale Energiewende ein und verfolgt die Vision, Gebäude von Energieverbrauchern zu aktiven Bestandteilen eines erneuerbaren Energiesystems zu machen.

Im Interview mit

Florian Henle

CEO Polarstern

Florian Henle ist Gründer und CEO von Polarstern, einem unabhängigen Ökoenergieversorger für Haushalte, Gewerbe und Quartiere. Seit über einem Jahrzehnt setzt er sich für die dezentrale Energiewende ein und verfolgt die Vision, Gebäude von Energieverbrauchern zu aktiven Bestandteilen eines erneuerbaren Energiesystems zu machen.

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Florian Henle gründete Polarstern 2011 gemeinsam mit zwei Mitstreitern als einen der ersten Energieversorger, die sowohl Strom als auch Gas ausschließlich aus erneuerbaren Quellen anbieten. Das Unternehmen ist inhabergeführt und als Social Business durch die Gemeinwohl-Ökonomie und B Corp zertifiziert. Mit integrierten Mieterstromkonzepten verbindet Polarstern Strom-, Wärme- und Mobilitätsversorgung in einem Gebäude und zählt zu den Pionieren dieses Modells in Deutschland. Im Interview spricht Florian Henle über Greenwashing im Energiemarkt, die Wirtschaftlichkeit von Mieterstrom und den Stellenwert eines Social Business jenseits von Marketingversprechen.

Was war 2011 der ausschlaggebende Moment für Sie, mit Polarstern einen eigenen Ökoenergieversorger zu gründen?

Sprecher

Ursprünglich wollten wir gar keinen eigenen Energieversorger gründen. Unsere Idee war, auch im Gasmarkt einen Tarif auf den Markt zu bringen, der zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien basiert. Denn gerade im Gebäudebereich haben wir noch einen großen Weg vor uns, um die Wärmeversorgung zu dekarbonisieren. Gleichzeitig war für uns schon immer klar: Energiewende bedeutet mehr als einzelne Tarife oder Kraftwerke auszutauschen. Es geht um den Umbau eines gesamten Systems – von fossiler, zentraler Versorgung hin zu erneuerbaren, dezentralen und zunehmend vernetzten Energiestrukturen. Dass Gebäude dabei eine Schlüsselrolle spielen, war schon damals klar. Und genau daran arbeiten wir bis heute. Unser Ziel war und ist es, Impulse zu setzen und die Energiewende so nicht nur zu begleiten, sondern sie zu beschleunigen.

Sprecher

Polarstern grenzt sich bewusst von Greenwashing im Energiemarkt ab. Woran erkennen Verbraucher:innen den Unterschied zwischen einem echten Ökostromtarif und einem, der nur mit dem Begriff wirbt?

Sprecher

Entscheidend ist die Frage, welchen Beitrag ein Tarif tatsächlich zum Umbau des Energiesystems leistet. Ein Ökostromtarif sollte nachweislich zum Beispiel pro Kilowattstunde auch den Ausbau erneuerbarer Energien fördern und außerdem von einem Unternehmen angeboten werden, das diesen Wandel glaubwürdig vorantreibt. Es empfiehlt sich daher zu prüfen, ob der Anbieter ausschließlich erneuerbare Energien vertreibt oder ob Ökostrom lediglich ein einzelnes Produkt im Portfolio ist. Gerade für Unternehmen der Immobilienwirtschaft gewinnt diese Glaubwürdigkeit des Energiepartners an Bedeutung. Schließlich sollen Energieversorgung und Dekarbonisierung zunehmend einen messbaren Beitrag zu ESG-Zielen und langfristigen Klimastrategien leisten.

Sprecher

Mit dem integrierten Mieterstrom verbinden Sie Strom-, Wärme- und Mobilitätsversorgung in einem Gebäude. Ab welcher Gebäudegröße und welchem Verbrauchsprofil rechnet sich dieses Modell für Eigentümer:innen konkret?

Sprecher

Die Wirtschaftlichkeit hängt heute weniger von einer festen Gebäudegröße ab als von der Fähigkeit, Erzeugung und Verbrauch intelligent zusammenzuführen. Besonders attraktiv wird das Modell, wenn Photovoltaik, Wärmepumpe, Ladeinfrastruktur und digitale Messsysteme integriert werden. Denn je höher der Anteil lokal genutzter erneuerbarer Energie, desto größer sind die wirtschaftlichen Vorteile über den gesamten Lebenszyklus der Infrastruktur. Gleichzeitig lassen sich mit integrierten Lösungen Investitionen oft besser amortisieren.

Für viele Eigentümer:innen ist dabei nicht die Technik die größte Herausforderung, sondern die Komplexität aus Energiewirtschaft, Messwesen, Regulierung, Abrechnung und Betrieb. Deshalb gewinnen integrierte Betreiberlösungen zunehmend an Bedeutung.

Sprecher

Photovoltaik und Wärmepumpe bilden bei vielen Ihrer Projekte das Kernstück der Sektorenkopplung. Was unterscheidet ein durchdachtes Konzept aus PV und Wärmepumpe von einer Einzelinstallation ohne Abstimmung?

Sprecher

Der Unterschied liegt in der Systemintegration. Eine PV-Anlage erzeugt erneuerbaren Strom, eine Wärmepumpe ersetzt fossile Wärme. Den größten Mehrwert aber schaffen beide Technologien im Zusammenspiel. Wird Solarstrom gezielt für Wärme, Warmwasser, Elektromobilität oder Speicher genutzt, steigt der Eigenverbrauch, die Wirtschaftlichkeit verbessert sich und die Stromnetze werden entlastet. Mit einem intelligenten Energiemanagement entstehen zusätzliche Optimierungsmöglichkeiten.

Gerade vor dem Hintergrund der EU-Gebäuderichtlinie, strengerer Solarpflichten und langfristiger Dekarbonisierungspfade reicht es nicht mehr, Einzeltechnologien zu optimieren. Die Energiewende und auch die Wirtschaftlichkeit in der Umsetzung werden über die Fähigkeit entschieden, dezentrale Energieressourcen intelligent miteinander zu verknüpfen. Es verlangt eine systemische Betrachtung des gesamten Gebäudes.

Sprecher

Polarstern ist als Social Business zertifiziert und unterstützt mit jedem Vertrag Energiewende-Projekte in Entwicklungsländern. Wie stellen Sie sicher, dass dieses Engagement mehr bewirkt als ein Imagegewinn für das Unternehmen?

Sprecher

Unser Engagement für die Energiewende ist Teil unseres Geschäftsmodells. Während wir hier an der Dekarbonisierung von Strom-, Wärme- und Mobilitätsversorgung arbeiten, unterstützen wir in Regionen ohne verlässliche Stromversorgung den Zugang zu erneuerbarer Energie. Wichtig ist uns dabei, langfristig tragfähige Modelle aufzubauen. Deshalb setzen wir auf lokale Wertschöpfung, wirtschaftlich funktionierende Geschäftsmodelle und langfristige Partnerschaften statt auf reine Projektförderung. In Madagaskar sind wir dafür sogar mit einer eigenen Unternehmenstochter aktiv. Der erzeugte Solarstrom wird dort vor Ort verkauft und muss sich wirtschaftlich gegenüber fossilen Alternativen behaupten.
Wirkung entsteht aus unserer Sicht dann, wenn Lösungen dauerhaft funktionieren und lokale wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung ermöglichen.

Sprecher

Die Rahmenbedingungen für Ökostrom, Wärmepumpen und Mieterstrom ändern sich derzeit häufig, etwa durch die EEG-Novelle und die anstehende Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie. Was müssen Immobilienbesitzer:innen und Mieter:innen 2026 konkret wissen?

Sprecher

Klar ist, unabhängig von einzelnen Gesetzen oder politischen Exkursen geht die große Entwicklung in eine Richtung: mehr Elektrifizierung, mehr lokale erneuerbare Erzeugung und eine stärkere Integration von Gebäuden ins Energiesystem.

Für die Immobilienwirtschaft bedeutet das, Energieinfrastruktur ganzheitlich zu betrachten. Wer heute investiert, sollte sich weniger an der nächsten Einzelregelung orientieren als an langfristigen Dekarbonisierungspfaden. Schließlich sprechen wir bei Gebäuden und Energieinfrastruktur über Investitionszyklen von mehreren Jahrzehnten.

Auch weisen die EU-Gebäuderichtlinie, nationale Klimaziele und steigende Anforderungen an Energieeffizienz alle in dieselbe Richtung: Wer Erzeugung und Verbrauch frühzeitig zusammenführt und Gebäude als integrierte Energiesysteme denkt, schafft sich langfristig wirtschaftliche und regulatorische Sicherheit.

Sprecher

Praktischer Tipp: Was raten Sie Leser:innen, die aktuell prüfen, ob sich Mieterstrom oder ein Wechsel zu echtem Ökostrom für sie lohnt?

Sprecher

Bei Immobilien lohnt sich der Blick auf das Gesamtsystem. Die größten Potenziale entstehen dort, wo Strom, Wärme und Mobilität zusammen gedacht werden statt in Einzelmaßnahmen.

Wer heute modernisiert, sollte sich fragen, welche Energieinfrastruktur ein Gebäude auch in zehn oder zwanzig Jahren benötigt. Häufig entstehen die größten wirtschaftlichen Vorteile dort, wo Maßnahmen frühzeitig integriert geplant werden.
Und beim Stromvertrag gilt: Unterstützt der Anbieter aktiv den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Transformation des Energiesystems?

Sprecher

Florian Henle argumentiert für eine ganzheitliche Betrachtung von Gebäuden als Energiesysteme statt für isolierte Einzellösungen bei Photovoltaik, Wärmepumpe oder Stromvertrag. Für Eigentümer:innen und Immobilienentscheider:innen liefert das Gespräch eine konkrete Einordnung: Die Wirtschaftlichkeit von Mieterstrom hängt weniger von der Gebäudegröße ab als von der intelligenten Verknüpfung aus Erzeugung und Verbrauch. Beim Thema Greenwashing benennt Henle ein klares Prüfkriterium: Vertreibt ein Anbieter ausschließlich erneuerbare Energien oder führt er Ökostrom nur als Randprodukt im Portfolio? Sein Verweis auf Investitionszyklen über mehrere Jahrzehnte begründet, warum sich Immobilienbesitzer:innen 2026 an langfristigen Dekarbonisierungspfaden orientieren sollten statt an einzelnen Gesetzesänderungen.

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