
Nachhaltigkeit und Innovation gehen bei neustark Hand in Hand. Das Schweizer Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, CO₂ dauerhaft in recyceltem Beton zu speichern und leistet damit einen bedeutenden Beitrag zur Klimaneutralität in der Bauindustrie. Heute sprechen wir mit Jakob Wrulich, CFO von neustark, der uns einen Einblick in die bahnbrechende Technologie, aktuelle Entwicklungen und die Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität geben wird.
EEAktuell: Herr Wrulich, Sie haben einen beeindruckenden Karriereweg hinter sich, unter anderem als CFO bei Azimo und Exporo. Was hat Sie dazu bewogen, die Position des CFO bei neustark zu übernehmen?
Jakob Wrulich: Die Entscheidung fiel mir leicht. neustark hat mich sowohl mit seinem innovativen Produkt als auch mit seiner klaren Vision überzeugt. Als Vater von drei Kindern sehe ich es als meine Verantwortung, ein Vorbild zu sein und aktiv an einer besseren Zukunft mitzuwirken. Teil eines Unternehmens zu sein, das sich engagiert gegen die globale Erderwärmung einsetzt, ist für mich nicht nur beruflich, sondern auch persönlich von großer Bedeutung.
EEAktuell: neustark hat eine Technologie entwickelt, die CO₂ in Abbruchbeton mineralisiert. Könnten Sie uns einen Einblick geben, wie dieser Prozess funktioniert und welche Vorteile er für die Bauindustrie bietet?
Jakob Wrulich: Mit über einer Million Tonnen pro Jahr ist Abbruchbeton der größte Abfallstrom der Welt. Wir bei neustark verwandeln diesen Abfallstrom in eine Kohlenstoffsenke. Wir haben eine Lösung entwickelt und ausgerollt, die CO₂ in Abbruchbeton mineralisiert. So wird es dauerhaft gespeichert und der Atmosphäre entzogen – und sogenannte Negativemissionen kreiert.
Neustark fängt CO2 ein, transportiert und speichert es in dem wir mit Quellen (z.B. Biogasanlagen) und Senkpartnern (Baustoffrecyclern) zusammenarbeiten, die nicht weit voneinander entfernt sind. Unsere Technologie löst einen beschleunigten Mineralisierungsprozess an, der das CO2 an der Oberfläche und in den Poren des Abbruchbetongranulats bindet und es so dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt.
Dieser Prozess geschieht parallel zu den bestehenden Prozessen des Baustoffrecyclers. Der Recycler kann das mit CO2 angereicherte Betongranulat nach dem üblichen Verfahren weiterverwenden, um Recyclingbeton oder andere Materialien für den Gebäude- oder Strassenbau herzustellen.
EEAktuell: Ihr Verfahren nutzt CO₂ aus Biogasanlagen, das in Abbruchbeton injiziert wird, um einen Mineralisierungsprozess auszulösen. Wie unterscheidet sich diese Methode von anderen CO₂-Speichertechnologien, und welche Herausforderungen mussten Sie bei der Entwicklung überwinden?
Jakob Wrulich: Viele CCUS- oder Carbon-Removal-Unternehmen sind entweder auf die Abscheidung (Capture) oder die Speicherung (Storage) von Kohlenstoffdioxid spezialisiert. Wir decken die ganze Wertschöpfungskette ab: von Abscheidung zu Speicherung zum Zertifikatenverkauf.
Ein anderer Unterschied ist das wir das CO2 lokal abfangen und speichern, und zwar in bestehenden Abfallmaterialien. Wenn man von CO2-Speicherung oder -Entfernung redet, geht man oft davon aus, dass man das CO2 nur in den Untergrund dauerhaft speichern kann, und das in Europa bisher erst in Island und Norwegen. Aber dem ist nicht so: wir können auch in Abbruchbeton und anderen mineralischen Abfallströmen, die “vor der Haustüre” recycled werden, speichern.
EEAktuell: neustark hat kürzlich die erste kommerzielle CO₂-Speicheranlage in Deutschland in Betrieb genommen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt, und wie planen Sie, diese Technologie in anderen Märkten zu etablieren?
Jakob Wrulich: Im September 2023 haben wir unsere erste Anlage in Deutschland in Betrieb genommen. Angeschoben hat dieses Projekt die Berliner Senatsverwaltung, die die Kreislaufwirtschaft vorantreiben will. Der Beginn des Prozesses war im Jahr 2020, und für uns war es optimal, dass hier die öffentliche Hand den Anstoss gab.
Die Reaktionen waren durchwegs positiv: Bei der Eröffnung der Anlage war ein breites Publikum vertreten – von Mitgliedern des Deutschen Bundestages über Journalisten bis Bauherren. Nach über einem Jahr Betrieb lässt sich sagen, dass das Interesse seitens Bauherren da ist und die Nachfrage steigt. Mittlerweile haben wir bei Feess nahe Stuttgart eine weitere Anlage in Betrieb.
(siehe PM: Gemeinsame Pionierarbeit für mehr Nachhaltigkeit in der… | neustark)
EEAktuell: Ihr Ziel ist es, bis 2030 eine Million Tonnen CO₂ zu entfernen. Welche Schritte unternehmen Sie, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, und welche Rolle spielen dabei Innovation und Expansion?
Jakob Wrulich: Zur Erreichung des strategischen Ziels im Jahr 2030, 1 Million Tonnen CO2 zu entfernen, will neustark in den nächsten fünf Jahren weltweit etwa 1.000 Speicheranlagen in Betrieb nehmen. Momentan (Ende 2024) sind bereits 29 Abscheidungs- und Speicheranlagen in Betrieb, und ca. 30 weitere befinden sich derzeit in Planung und im Bau. Wir müssen einerseits neue Märkte erschliessen, wie beispielsweise in den USA und auch mit weiteren mineralischen Abfallströmen arbeiten. Stoffströme wie Schlacken und Aschen haben auch das Potential CO2 permanent zu binden, und diese gilt es zu erschliessen.
EEAktuell: Eine letzte Frage: Was ist Ihre Vision für eine klimaneutrale Bauindustrie, und was können wir alle tun, um diese Vision zu unterstützen?
Jakob Wrulich: Die Bauindustrie hat einen sehr hohen Fussabdruck und muss kreislauffähiger und nachhaltiger werden. Dafür braucht es Innovationen sowohl was die Baustoffe anbetrifft, aber auch eine Änderung unserer Denkweise: Renovationen müssen Neubauten vorgezogen werden. Darüber hinaus muss man auch wagen neue Baustoffe einzusetzen. Unsere Partner können den Abbruchbeton dank unserer Technologie mit CO2 anreichern. Jetzt braucht es dringend die Nachfrage der öffentlichen Hand nach karbonatisierten Baumaterialien im Hoch- und Strassenbau und entsprechende gesetzliche Regularien, um die Bestrebungen nach mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen
Fazit
Das Interview mit Jakob Wrulich zeigt, wie neustark mit innovativer Technologie die Bauindustrie nachhaltiger gestaltet. Durch die Mineralisierung von CO₂ in Abbruchbeton schafft das Unternehmen eine dauerhafte Kohlenstoffsenke und trägt aktiv zur Reduzierung von Emissionen bei. Dabei geht neustark über bestehende CO₂-Speichertechnologien hinaus, indem es die gesamte Wertschöpfungskette von der Abscheidung bis zur Speicherung und Vermarktung von CO₂-Zertifikaten abdeckt.
Die Eröffnung der ersten kommerziellen CO₂-Speicheranlage in Deutschland markiert einen wichtigen Meilenstein, und das Unternehmen plant, bis 2030 eine Million Tonnen CO₂ zu entfernen. Dazu setzt neustark auf weltweite Expansion, die Erschließung neuer mineralischer Abfallströme und eine enge Zusammenarbeit mit Politik und Industrie.
Jakob Wrulich betont, dass für eine klimaneutrale Bauindustrie nicht nur technologische Innovationen erforderlich sind, sondern auch ein Umdenken in der Branche und eine stärkere Nachfrage nach nachhaltigen Baustoffen. Jede:r kann dazu beitragen – sei es durch bewusste Bauentscheidungen oder die Unterstützung von politischen Maßnahmen, die nachhaltige Lösungen fördern.