Inhalt des Artikels
Was ist ein Speicherkraftwerk?
Ein Speicherkraftwerk ist eine Form des Wasserkraftwerks, das Wasser in einem Stausee oder natürlichen Becken speichert und bei Bedarf zur Stromerzeugung freigibt. Die Energiequelle ist ausschließlich natürlich zugeführtes Wasser aus Niederschlag, Schmelzwasser und Zuflüssen. Das Wasser fließt einmal durch die Turbinen und verlässt das System danach. Es wird nicht zurückgepumpt.
Darin liegt der entscheidende Unterschied zum Pumpspeicherkraftwerk, das Wasser aktiv zwischen zwei Becken hin- und herpumpt, um elektrische Energie zu speichern. Ein Speicherkraftwerk hingegen verhält sich wie eine natürliche Batterie: Es nimmt Energie aus dem Wasserkreislauf auf und gibt sie kontrolliert ab. Einen vollständigen Überblick über alle Typen bietet unser Artikel zu den Arten von Wasserkraftwerken im Überblick.
📌 Good-To-Know: Speicherkraftwerke werden auch als Speicherwasserkraftwerke oder Staukraftwerke bezeichnet. Der Begriff „Speicherkraftwerk“ beschreibt dabei das Prinzip der Wasserspeicherung im Stausee, unabhängig davon, ob eine Pumpe verbaut ist oder nicht. Im engeren Sinne meint er Anlagen ohne Pumpbetrieb.
Aufbau und Funktionsweise eines Speicherkraftwerks
Ein Speicherkraftwerk unterscheidet sich in Aufbau und Funktionsweise von anderen Wasserkraftwerken. Es besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Komponenten. Stausee, Triebwasserleitung, Maschinenhaus und Generator arbeiten zusammen, um aus gespeichertem Wasser zuverlässig Strom zu erzeugen.

Stausee, Staumauer und Einzugsgebiet
Das Herzstück bildet der Stausee. Eine Staumauer oder ein Staudamm hält das natürlich zufließende Wasser zurück und bildet ein Reservoir. Gespeist wird er durch Niederschlag, Schmelzwasser aus dem Einzugsgebiet und natürliche Zuflüsse. Je größer das Einzugsgebiet und je höher die Staumauer, desto mehr Energie lässt sich speichern.
Die Speichermenge bestimmt, wie lange das Kraftwerk unabhängig von aktuellen Zuflüssen Strom produzieren kann. Große Alpenstauseen wie der Forggensee in Bayern oder Kaprun in Österreich können Wasser über Monate hinweg speichern und damit saisonale Schwankungen in der Stromproduktion ausgleichen.
Triebwasserleitung und Wasserschloss
Bei Freigabe leitet die Triebwasserleitung das Wasser vom Stausee zum Maschinenhaus. Auf dem Weg bergab baut sich hoher Wasserdruck auf, der später die Turbinen antreibt. Das Wasserschloss, ein erweiterter Schacht in der Leitung, gleicht Druckschwankungen aus, die beim Öffnen oder Schließen der Absperrventile entstehen. Ohne das Schloss könnten die Rohre durch Druckstöße beschädigt werden.
Maschinenhaus und Turbinenarten
Im Maschinenhaus trifft der Wasserstrahl auf die Turbinenschaufeln, bringt sie zum Drehen und überträgt seine kinetische Energie auf den Rotor. Welche Turbine zum Einsatz kommt, hängt von Fallhöhe und Durchfluss ab.
| Turbinentyp | Geeignet für | Wirkprinzip |
|---|---|---|
| Francis-Turbine | Mittlere Fallhöhen (40-600 m) | Wasser strömt radial durch Laufrad |
| Kaplan-Turbine | Geringe Fallhöhen und hohe Durchflüsse | Axialdurchströmung mit verstellbaren Schaufeln |
| Pelton-Turbine | Große Fallhöhen (über 200 m) | Wasserstrahl trifft Schaufelbecher |
In Hochgebirgsanlagen mit großen Fallhöhen dominiert die Pelton-Turbine. Das Walchenseekraftwerk in Bayern etwa nutzt eine Fallhöhe von rund 200 Metern und setzt auf Pelton-Turbinen. Anlagen mit mittleren Fallhöhen wie der Drei-Schluchten-Damm in China verwenden Francis-Turbinen.
Generator und Netzeinspeisung
Die Turbine treibt über eine Welle den Generator an. Der Generator wandelt die Rotationsenergie in elektrischen Strom um, der über Transformatoren ins Hochspannungsnetz eingespeist wird. Moderne Speicherkraftwerke können innerhalb von Minuten hochgefahren werden und auf Spitzenlastbedarf reagieren.
Unterwasser und Abfluss
Nach der Turbine fließt das Wasser in den Unterwasserkanal oder in das natürliche Gewässer unterhalb des Kraftwerks ab. Anders als beim Pumpspeicherkraftwerk gibt es kein Unterbecken mit Rückpumpfunktion. Das Wasser verlässt das System und fließt weiter in den natürlichen Wasserkreislauf.
✓ Dran gedacht? Wer nach Pumpen, Ober- und Unterbecken sucht, ist beim falschen Artikel. Das Pumpspeicherkraftwerk funktioniert nach einem anderen Prinzip, genauso wie Wellen– und Gezeitenkraftwerke eine andere Herangehensweise verfolgen.
Wirkungsgrad eines Speicherkraftwerks
Im reinen Turbinenbetrieb, also ohne Rückpumpverluste, erreichen Speicherkraftwerke Wirkungsgrade von 85 bis 92 %. Das bedeutet: Von 100 Einheiten potenzieller Energie im Stausee werden 85 bis 92 Einheiten als elektrischer Strom nutzbar. Die Verluste entstehen durch Reibung in Turbinen, Generatoren und Leitungen.
Das unterscheidet sich vom Pumpspeicherkraftwerk, dessen Gesamtwirkungsgrad im Zyklus aus Pumpen und Turbinieren auf 70 bis 85 % sinkt, weil beim Hochpumpen bereits Energie verloren geht. Speicherkraftwerke ohne Pumpbetrieb haben diesen Verlust nicht, da die Energie kostenlos durch natürliche Zuflüsse ins System kommt.
Speicherkraftwerk: Vorteile und Nachteile
Vorteile
- Bedarfsgerechte Stromerzeugung: Das Kraftwerk produziert Strom unabhängig vom aktuellen Wasserdargebot, weil der Stausee als Puffer dient.
- Keine Betriebsemissionen: Im laufenden Betrieb entstehen weder CO₂ noch andere Schadstoffe.
- Sehr langer Betrieb: Staumauern und Maschinenhäuser sind auf Jahrzehnte ausgelegt. Das Walchenseekraftwerk in Bayern arbeitet seit 1924.
- Hoher Wirkungsgrad: Mit 85 bis 92 % im Turbinenbetrieb gehören Speicherkraftwerke zu den effizientesten Kraftwerkstypen überhaupt.
- Zusatznutzen: Stauseen dienen häufig gleichzeitig dem Hochwasserschutz, der Trinkwasserversorgung und dem Tourismus.
Nachteile
- Standortabhängigkeit: Große Fallhöhen und ausreichend Niederschlag sind Voraussetzung. In flachen Regionen sind Speicherkraftwerke kaum wirtschaftlich.
- Ökologische Eingriffe: Stauseen überfluten Täler, verändern Flussbiotope, unterbrechen Fischwanderungen und beeinflussen den Sedimenttransport.
- Hohe Baukosten: Der Bau einer Staumauer gehört zu den teuersten Infrastrukturprojekten überhaupt.
- Klimaabhängigkeit: Sinkende Niederschläge und reduzierte Gletscherschmelze durch den Klimawandel können die Speicherfüllung langfristig beeinträchtigen.
- Begrenzte Ausbaupotenziale: Geeignete Standorte in Deutschland und Europa sind weitgehend erschlossen.
Speicherkraftwerke in Deutschland und weltweit
In Deutschland sind reine Speicherkraftwerke vor allem in Bayern und Baden-Württemberg verbreitet, wo alpine Topographie und ausreichend Niederschlag zusammenkommen. Bekannte Beispiele sind das Walchenseekraftwerk (124 MW, in Betrieb seit 1924), die Lechkraftwerke sowie der Sylvensteinspeicher in Bayern.
Laut BDEW erzeugten Wasserkraftwerke in Deutschland 2024 rund 21,4 Milliarden Kilowattstunden Strom, das entspricht 4,2 % der gesamten Bruttostromerzeugung. Reine Speicherkraftwerke machen dabei einen kleineren Teil aus als Laufwasser- und Pumpspeicherkraftwerke zusammen.
Weltweit sind die größten Speicherkraftwerke in China, Brasilien und Kanada zu finden, wo große Flüsse und geeignete Geländestrukturen zusammenkommen:
- Drei-Schluchten-Damm (China): 22,5 GW installierte Leistung, rund 90 TWh Jahresproduktion. Größtes Wasserkraftwerk der Welt.
- Itaipú (Brasilien/Paraguay): 14 GW, erzeugte 2016 mit 103,1 TWh einen Weltrekord in der Jahresproduktion.
- Robert-Bourassa-Kraftwerk (Kanada): 5,6 GW, Teil des James-Bay-Projekts in Québec.
- Walchenseekraftwerk (Deutschland): 124 MW, seit 1924 in Betrieb, nutzt den Höhenunterschied zwischen Walchensee und Kochelsee.
Unterschied: Lauf-, Speicher- und Meereskraftwerke
| Merkmal | Laufwasserkraftwerk | Speicherkraftwerk | Wellenkraftwerk | Gezeitenkraftwerk |
|---|---|---|---|---|
| Energiequelle | Fließendes Wasser kontinuierlich | Gespeichertes Wasser aus natürl. Zuflüssen | Kinetische Energie von Meereswellen | Potenzielle und kinetische Energie aus Ebbe und Flut |
| Steuerbarkeit | Gering (flussabhängig) | Hoch (Stausee als Puffer) | Gering (wetterabhängig) | Hoch (Gezeiten jahrzehntelang planbar) |
| Speicherfunktion | Nur extern | Stausee | Nur extern | Nur extern |
| Rückpumpen | Nein | Nur bei Pumpspeicherkraftwerk | Nein | Nein |
| Wirkungsgrad | Ca. 85-90 % | Ca. 85-92 % | Ca. 25-40 % | Ca. 60-80 % |
| Bekannte Beispiele | Rheinkraftwerke und Iffezheim | Drei-Schluchten-Damm und Walchenseekraftwerk | LIMPET (Schottland) und Mutriku (Spanien) | La Rance (Frankreich) und Sihwa Lake (Südkorea) |