Warum die Energiewende im Gebäude nicht an der Technik scheitert, sondern am Betrieb

Ein Interview mit Simon Hintemann vom Deutschen Verband für Facility Management
Eine moderne Gebäudefront mit geometrischen Formen und Fenstern.

Im Interview mit

Simon Hintemann

Referent für Nachhaltigkeit und Netzwerke

Deutscher Verband für Facility Management

Simon Hintemann ist Referent für Nachhaltigkeit und Netzwerke beim Deutschen Verband für Facility Management (gefma). Nach seinem Studium der Umwelt- und Betriebswirtschaft sowie einem Master in Nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeit in Organisationen und Kommunen. Bei gefma verantwortet er die Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsleitfadens und Zertifizierungssystems SustainFM und begleitet Arbeitsgruppen zu Themen wie Biodiversität, Klimaanpassung, Kreislaufwirtschaft, Carbon Footprint und ESG-Reporting. Sein Fokus liegt auf der Frage, wie Nachhaltigkeit im Gebäudebetrieb konkret umgesetzt und messbar gemacht werden kann.

Im Interview mit

Simon Hintemann

Referent für Nachhaltigkeit und Netzwerke

Deutscher Verband für Facility Management

Simon Hintemann ist Referent für Nachhaltigkeit und Netzwerke beim Deutschen Verband für Facility Management (gefma). Nach seinem Studium der Umwelt- und Betriebswirtschaft sowie einem Master in Nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit der praktischen Umsetzung von Nachhaltigkeit in Organisationen und Kommunen. Bei gefma verantwortet er die Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsleitfadens und Zertifizierungssystems SustainFM und begleitet Arbeitsgruppen zu Themen wie Biodiversität, Klimaanpassung, Kreislaufwirtschaft, Carbon Footprint und ESG-Reporting. Sein Fokus liegt auf der Frage, wie Nachhaltigkeit im Gebäudebetrieb konkret umgesetzt und messbar gemacht werden kann.

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Gebäude spielen eine zentrale Rolle für den Energieverbrauch und die Emissionen in Europa. Ein großer Teil der Klimawirkung entsteht nicht beim Bau, sondern im laufenden Betrieb von Immobilien. Genau hier setzt das Facility Management an. Simon Hintemann ist Referent für Nachhaltigkeit beim Branchenverband gefma und beschäftigt sich mit der Frage, wie Gebäude im Alltag effizienter, nachhaltiger und klimafreundlicher betrieben werden können. Im Gespräch geht es darum, warum moderne Technik allein nicht ausreicht, weshalb viele Gebäude deutlich mehr Energie verbrauchen als geplant und welche Rolle Monitoring, Daten und Betriebskonzepte für die Energiewende im Gebäudesektor spielen.

Herr Hintemann, Sie beschäftigen sich beim Branchenverband gefma intensiv mit Nachhaltigkeit im Gebäudebetrieb. Was hat Sie persönlich zu diesem Themenfeld geführt?

Sprecher

Mich hat früh die Frage beschäftigt, warum der Gebäudesektor trotz enormer technischer Fortschritte seine Effizienzpotenziale noch immer nicht konsequent ausschöpft. Wir verfügen heute über leistungsfähige Heiz-, Kühl- und Lüftungstechnik, über Photovoltaik, Gebäudeautomation und digitale Steuerungssysteme. Trotzdem verbrauchen viele Gebäude im Alltag mehr Energie, als sie müssten. Das ist kein Randproblem, sondern eine zentrale Herausforderung für Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit und Werterhalt. Besonders spannend finde ich dabei den Blick auf den Gebäudebetrieb. Denn dort entscheidet sich, ob Nachhaltigkeit praktisch wirksam wird. Eine Immobilie ist kein statisches Produkt, das nach der Fertigstellung einfach funktioniert. Es verändert sich mit seiner Nutzung, seinen Nutzern, seinen technischen Anlagen und den Anforderungen der Eigentümer. Facility Management bringt diese Ebenen zusammen. Es übersetzt Nachhaltigkeitsziele in Betriebsrealität und genau darin liegt aus meiner Sicht ein großer, oft unterschätzter Hebel.

Sprecher

In der öffentlichen Debatte wird Klimaschutz im Gebäudesektor oft über Technologien wie Wärmepumpen, Photovoltaik oder Dämmung diskutiert. Warum reicht Technik allein aus Ihrer Sicht nicht aus?

Sprecher

Technik ist notwendig, aber sie ist noch kein Ergebnis. Eine Wärmepumpe senkt nicht automatisch den Energieverbrauch, nur weil sie eingebaut wurde. Eine Photovoltaikanlage verbessert nicht automatisch die CO₂-Bilanz, wenn Eigenverbrauch, Lastprofile und Gebäudebetrieb nicht zusammengedacht werden. Und auch eine moderne Gebäudeautomation schafft nur dann Mehrwert, wenn sie richtig eingestellt, verstanden und regelmäßig instandgehalten wird. Der entscheidende Punkt ist: Gebäude sind komplexe Systeme. Heizung, Kühlung, Lüftung, Beleuchtung, Verschattung, Gebäudeleittechnik und Nutzerverhalten wirken zusammen. Wenn diese Elemente nicht sauber aufeinander abgestimmt sind, kann selbst moderne Technik ineffizient laufen.

Deshalb greift eine rein investive Logik zu kurz. Klimaschutz im Gebäude entsteht nicht allein durch den Einbau neuer Komponenten, sondern durch einen professionellen, lernenden Betrieb. Technik liefert die Möglichkeiten. Facility Management sorgt dafür, dass daraus Wirkung wird.

Sprecher

Viele Gebäude sind auf dem Papier sehr effizient, verbrauchen im Alltag aber deutlich mehr Energie als geplant. Woran liegt das aus Ihrer Erfahrung?

Sprecher

Das sogenannte Performance Gap entsteht häufig an der Schnittstelle zwischen Planung und Nutzung. Ein Gebäude wird unter bestimmten Annahmen geplant: zu Belegung, Betriebszeiten, Nutzerverhalten, technischen Lasten und Komfortanforderungen. In der Realität verändern sich diese Annahmen oft sehr schnell. Flächen werden anders genutzt, Nutzer wechseln, Arbeitsmodelle verändern sich, technische Anforderungen steigen. Wenn der Betrieb darauf nicht reagiert, entfernt sich das Gebäude Schritt für Schritt von der ursprünglich geplanten Effizienz.

Ein weiterer Grund liegt im Übergang vom Bau in den Betrieb. Facility Management wird in vielen Projekten noch immer zu spät eingebunden. Dabei ist gerade das Betreiberwissen entscheidend: Welche Anlagen müssen gut zugänglich sein? Welche Messpunkte werden gebraucht? Welche Dokumentation ist im Alltag wirklich hilfreich? Welche Prozesse müssen von Beginn an funktionieren? Wenn diese Fragen erst nach der Übergabe gestellt werden, sind viele Weichen bereits gestellt, oft nicht zugunsten eines effizienten Betriebs. Hinzu kommt, dass Gebäude nach der Inbetriebnahme häufig nicht konsequent genug nachjustiert werden. Genau dann beginnt aber eigentlich die entscheidende Phase. Erst im Alltag zeigt sich, ob Planung, Technik und Nutzung zusammenpassen. Wer diese Phase nicht aktiv begleitet, akzeptiert unnötige Verbräuche oft über Jahre hinweg.

Sprecher

Welche Rolle spielt Facility Management konkret für Energieeffizienz und Klimaschutz im Gebäudebetrieb?

Sprecher

Facility Management ist der Bereich, der Nachhaltigkeit vom Konzept in die tägliche Anwendung bringt. Es sorgt dafür, dass technische Anlagen im richtigen Zusammenspiel funktionieren. Es erkennt Abweichungen, bewertet Verbrauchsentwicklungen, organisiert Wartung und Optimierung und übersetzt strategische Ziele in konkrete Betriebsmaßnahmen.

Damit geht die Rolle des Facility Managements heute deutlich über klassische Betreiberaufgaben hinaus. Professionelles FM wird zunehmend zum Steuerungsinstrument für Energieeffizienz, CO₂-Reduktion und ESG-Fähigkeit. Es liefert die operative Grundlage dafür, dass Eigentümer, Asset Manager und Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsziele überhaupt belastbar verfolgen können. Gerade im Bestand ist dieser Beitrag entscheidend. Der größte Teil der Gebäude, die wir in den kommenden Jahren klimafreundlicher betreiben müssen, steht bereits. Nicht jedes Objekt wird kurzfristig umfassend saniert werden können. Umso wichtiger ist es, vorhandene Anlagen besser zu betreiben, Potenziale systematisch zu identifizieren und Maßnahmen nach Wirkung zu priorisieren. Hier liegt eine der großen Stärken des Facility Managements.

Sprecher

Immer häufiger wird über Smart Buildings und digitale Gebäudesteuerung gesprochen. Wo sehen Sie hier den größten Hebel für Energieeinsparungen?

Sprecher

Der größte Hebel liegt darin, den Gebäudebetrieb aus der Blackbox zu holen. Viele Immobilien erzeugen heute Daten, aber sie nutzen sie noch nicht konsequent genug. Smart Buildings können sichtbar machen, welche Anlagen wann laufen, wo Lastspitzen entstehen, welche Räume tatsächlich genutzt werden und ob der technische Betrieb zur realen Nachfrage passt. Diese Sichtbarkeit verändert die Steuerungsfähigkeit eines Gebäudes fundamental.

Entscheidend ist aber nicht die Menge der Daten, sondern ihre Übersetzung in Entscheidungen. Intelligent wird ein Gebäude, wenn aus Daten bessere Betriebsstrategien entstehen. Digitale Gebäudesteuerung ist deshalb kein Selbstzweck und auch kein Ersatz für Kompetenz im Betrieb. Sie ist ein Werkzeug. Ihren Wert entfaltet sie dort, wo Datenqualität, technisches Verständnis und klare Verantwortlichkeiten zusammenkommen. Dann sind Smart Buildings in der Lage, Effizienzpotenziale deutlich schneller zu erkennen und Maßnahmen präziser umzusetzen.

Sprecher

Unternehmen müssen zunehmend Nachhaltigkeitskennzahlen offenlegen, etwa im Rahmen von ESG-Reporting. Welche Bedeutung hat der Gebäudebetrieb in diesem Kontext?

Sprecher

Der Gebäudebetrieb wird für ESG-Reporting immer wichtiger, weil viele relevante Kennzahlen genau dort entstehen: Energieverbrauch, CO₂-Emissionen, Wasserverbräuche, Abfallströme, Wartungsprozesse, Effizienzmaßnahmen. Wer diese Informationen nicht strukturiert erhebt, kann Nachhaltigkeit zwar beschreiben, aber nur schwer belegen. Daher hat gefma ein ESG-KPI-Tool entwickelt, das Unternehmen dabei unterstützt konkrete KPIs im Facility Management, nach EU-Regularien zu erheben. Denn Unternehmen müssen zeigen können, wie sich ihre Gebäude tatsächlich entwickeln. Dafür braucht es belastbare Daten, klare Verantwortlichkeiten und nachvollziehbare Prozesse. Facility Management wird damit zu einem zentralen Daten- und Umsetzungspartner für Eigentümer, Betreiber und Nutzer.

Man kann es so zusammenfassen: ESG entscheidet sich nicht im Reporting, sondern im Betrieb. Der Bericht ist am Ende nur die sichtbare Oberfläche. Die Substanz entsteht in den Gebäuden selbst durch Verbrauchsdaten, Betriebsqualität, Maßnahmensteuerung und kontinuierliche Verbesserung. Ohne professionelles Facility Management bleibt ESG deshalb schnell eine abstrakte Managementübung.

Sprecher

Unsere Leserinnen und Leser beschäftigen sich stark mit Themen wie Photovoltaik, Wärmepumpen und Energiemanagement im eigenen Zuhause. Welche Prinzipien aus dem professionellen Facility Management lassen sich auch auf private Gebäude übertragen?

Sprecher

Der wichtigste Grundsatz lautet: Nicht sofort investieren, sondern zuerst verstehen. Auch im privaten Gebäude sollte man zunächst wissen, wo Energie verbraucht wird und welche Muster dahinterliegen. Wann steigt der Stromverbrauch? Wie entwickelt sich der Wärmebedarf? Welche Rolle spielen Warmwasser, Lüftungsverhalten oder einzelne Verbraucher? Schon einfache Mess- und Auswertungsmöglichkeiten können helfen, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Zweitens sollte man Systeme nicht isoliert betrachten. Eine Wärmepumpe, eine Photovoltaikanlage, ein Batteriespeicher oder eine Lüftungsanlage entfalten ihren Nutzen vor allem im Zusammenspiel. Wer beispielsweise Strom erzeugt, Wärme bereitstellt und Verbrauchszeiten aufeinander abstimmt, kann deutlich mehr erreichen als durch Einzelmaßnahmen ohne Gesamtkonzept.

Drittens lohnt sich der Blick auf den laufenden Betrieb. Heizkurven, Betriebszeiten, Wartung, Temperaturzonen oder die richtige Nutzung von Eigenstrom klingen unspektakulär, haben aber oft spürbare Wirkung. Das ist im Einfamilienhaus nicht anders als im professionellen Gebäudebetrieb. Dort werden beispielsweise mit Bewertungs- und Managementsystemen wie dem gefma Standard SustainFM die Grundlagen für einen nachhaltig optimierten Gebäudebetrieb geschaffen. Ausgangspunkt ist dabei stets eine strukturierte Bestandsaufnahme, auf deren Basis Maßnahmen identifiziert, priorisiert und im Rahmen eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses umgesetzt werden. Dieses Prinzip lässt sich auch auf private Haushalte übertragen: Wer seinen Energieverbrauch versteht, regelmäßig überprüft und Schritt für Schritt optimiert, erzielt häufig größere Effekte als durch einzelne Investitionen allein. Effizienz beginnt also nicht immer mit der großen Investition. Manchmal beginnt sie mit der richtigen Einstellung.

Sprecher

Zum Abschluss: Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die ihr Gebäude energetisch verbessern möchten, aber unsicher sind, wo sie anfangen sollen?

Sprecher

Ich würde empfehlen, strukturiert vorzugehen und nicht mit der teuersten Maßnahme zu beginnen. Der erste Schritt sollte immer eine Bestandsaufnahme sein: Wie hoch sind die Verbräuche? Wo entstehen die größten Kosten? Welche Anlagen sind vorhanden? Wie werden sie betrieben? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich sinnvoll entscheiden, welche Maßnahmen wirklich Priorität haben.

Im zweiten Schritt sollte man prüfen, ob bestehende Anlagen optimal laufen. Gerade hier liegen oft schnelle und vergleichsweise günstige Einsparpotenziale.

Größere Investitionen wie Wärmepumpe, Photovoltaik oder Dämmmaßnahmen sollten anschließend in ein Gesamtkonzept eingebettet werden. Die Energiewende im Gebäude ist kein einzelner Kaufakt, sondern ein Prozess. Wer misst, bewertet, optimiert und dann gezielt investiert, erreicht in der Regel mehr als jemand, der nur Technik austauscht. Entscheidend ist nicht, möglichst viel auf einmal zu machen, sondern die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge.

Sprecher

Herr Hintemann widerspricht im Kern einer verbreiteten Annahme: dass Klimaschutz im Gebäude eine Frage der richtigen Technik ist. Stattdessen verschiebt er die Verantwortung auf den Betrieb: auf Daten, Wartung und die Frage, ob jemand die installierte Technik überhaupt richtig nutzt. Bemerkenswert ist, dass er diesen Anspruch nicht auf gewerbliche Großobjekte beschränkt, sondern explizit auf private Haushalte überträgt: Erst verstehen, dann Systeme zusammen denken, erst dann investieren. Diese Reihenfolge widerspricht der üblichen Kaufberatung, die mit der Anschaffung beginnt.

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