Die falschen Pflanzen auf den falschen Dächern

Warum viele Begrünungsprojekte ihr Ziel verfehlen
Ein Dachgarten mit Dachbegrünung, Sonnenkollektoren, üppigen Pflanzen und zwei Personen auf einer Bank. Im Hintergrund erheben sich moderne Gebäude und eine Stadtlandschaft unter einem klaren blauen Himmel.

Im Interview mit

Kai Müller

Experte biologische Forschung

& Produktentwicklung

BEEOTOPIA

Kai Müller ist Experte für biologische Forschung und Produktentwicklung bei BEEOTOPIA, einem Unternehmen, das urbane Außenbereiche in wertvolle Ökosysteme verwandelt. Mit fundiertem ökologischem Fachwissen und der klaren Mission, Städte für Mensch und Natur wieder lebenswerter zu machen, fördert er durch naturnah angepasste Gestaltung und intelligente Systeme Biodiversität und Aufenthaltsqualität. Als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und praktischem Naturschutz ist ihm wichtig, dass nachhaltiges Begrünen und moderne Ästhetik kein Widerspruch sind, sondern sich sinnvoll ergänzen. Gleichzeitig versteht er seine Tätigkeit als fortlaufendes Forschungsprojekt, bei dem neue Lösungen im realen urbanen Kontext erprobt und weiterentwickelt werden.

Im Interview mit

Kai Müller

Experte biologische Forschung

& Produktentwicklung

BEEOTOPIA

Kai Müller ist Experte für biologische Forschung und Produktentwicklung bei BEEOTOPIA, einem Unternehmen, das urbane Außenbereiche in wertvolle Ökosysteme verwandelt. Mit fundiertem ökologischem Fachwissen und der klaren Mission, Städte für Mensch und Natur wieder lebenswerter zu machen, fördert er durch naturnah angepasste Gestaltung und intelligente Systeme Biodiversität und Aufenthaltsqualität. Als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und praktischem Naturschutz ist ihm wichtig, dass nachhaltiges Begrünen und moderne Ästhetik kein Widerspruch sind, sondern sich sinnvoll ergänzen. Gleichzeitig versteht er seine Tätigkeit als fortlaufendes Forschungsprojekt, bei dem neue Lösungen im realen urbanen Kontext erprobt und weiterentwickelt werden.

Zum Interview

Städte setzen zunehmend auf Dach- und Fassadenbegrünung. Sie soll Gebäude kühlen, Regenwasser speichern und Lebensräume für Pflanzen und Insekten schaffen. Doch nicht jedes Begrünungsprojekt erfüllt diese Erwartungen. Häufig werden Pflanzen verwendet, die zwar pflegeleicht sind, aber wenig zur Biodiversität beitragen oder mit den Bedingungen in Städten schlecht zurechtkommen. Kai Müller arbeitet im Bereich biologische Forschung und Entwicklung bei BEEOTOPIA und beschäftigt sich mit Biodiversität sowie nachhaltigem Urban Greening. Im Gespräch geht es darum, warum viele Dachbegrünungen ihr ökologisches Potenzial nicht ausschöpfen, welche Pflanzen in Städten wirklich funktionieren und wie Gebäude künftig stärker Teil urbaner Ökosysteme werden können.

Herr Müller, Sie beschäftigen sich bei BEEOTOPIA intensiv mit Biodiversität und urbaner Begrünung. Wie sind Sie persönlich zu diesem Themenfeld gekommen?

Sprecher

Von klein auf war ich naturverbunden. Im Kindergarten oft im Wald unterwegs, zu Hause im Garten, die Begeisterung für das, was kreucht und fleucht, war einfach da. Auch die jährliche Ernte von Obst und Gemüse war ein Highlight. Später entwickelte sich daraus das Umweltbewusstsein, dass Natur und Artenvielfalt schützenswert sind. Die damals als mühsam empfundene Gartenarbeit wandelte sich in persönliche Leidenschaft zu Pflanzen und den Wunsch, das positive Ergebnis für Mensch und Natur zu bewahren. Diese Verbindung aus Biodiversität und sozialem Aspekt finde ich wunderbar. Über ein Forschungsprojekt an der Uni zu vertikaler Begrünung kam ich in genau diesen Arbeitsbereich und entschloss mich kurzerhand, darin auch meinen Berufsweg zu starten. Und jetzt tue ich genau das: Städte ein Stück grüner und lebenswerter machen.

Sprecher

Dachbegrünung wird häufig als Lösung für Hitze in Städten und für mehr Biodiversität dargestellt. Gleichzeitig hört man immer wieder, dass viele Projekte ihr ökologisches Potenzial gar nicht ausschöpfen. Wo liegt das Problem?

Sprecher

Bestandsgebäude sind statisch oft nicht für die Lasten einer wirklich funktionalen Dachbegrünung ausgelegt. Die Konsequenz: geringe Substratdicken, kostengünstige Pflanzkonzepte, die gerade so die geforderten Begrünungsanteile erfüllen, aber ihre ökologische Funktion kaum leisten. Sedum ist dabei symptomatisch. Stressresistent, kommt mit wenig Substrat aus, klingt erstmal gut.

Das Problem: Bei Hitze und Trockenheit reduziert Sedum seine Stomata-Aktivität, die Pflanzenmischung ist biodiversitätsarm. In den Phasen, in denen Kühlung am dringendsten gebraucht würde, findet also kaum Verdunstung statt. Andere Stauden verbraunen ohne Bewässerung ohnehin. Der angepriesene Kühlungseffekt bleibt aus. Und weil die Auswirkungen selten gemessen werden, gibt es auch keine Weiterentwicklung.

Was es bräuchte: leistungsfähigere Speichersubstrate und vielfältigere Pflanzengesellschaften, die auch mit geringen Substratdicken noch ihre komplette Funktion erfüllen. Das Marktangebot optimiert bisher aber eher auf Wirtschaftlichkeit als auf ökologische und biodiverse Wirkung, es überwiegt Stagnation durch marktbeherrschende, alte Lösungen.

Sprecher

Sie sprechen häufig davon, dass in Städten oft die falschen Pflanzen eingesetzt werden. Was sind typische Fehler bei der Auswahl von Pflanzen für Dach- und Fassadenbegrünungen?

Sprecher

Dach- und Fassadenbegrünungen sind künstliche Extremstandorte. Auf Dächern haben wir beispielsweise eine hohe Windbelastung, starke Sonneneinstrahlung, schnelle Austrocknung durch geringe Substratdicken und oft eingeschränkte Wasserversorgung. In der Vertikalen kommen zusätzlich Faktoren wie Ausrichtung, Winddruck und die Wirkung der Gravitation dazu, die sich komplett anders auf Pflanzen auswirken als in horizontalen Systemen.
Der häufigste Fehler ist, dass Pflanzen ausgewählt werden, ohne diese Bedingungen mitzudenken. Klassische Parameter wie Lichtverhältnisse, Feuchtigkeit oder Exposition nach Himmelsrichtung gelten zwar weiterhin, aber in der gebauten Umgebung wirken diese nochmal verstärkt und anders als z.B. in horizontalen Parkanlagen und Freiflächen.

In der Vertikalen ist die Anforderung „immergrün“ bei Kunden und Planern deutlich zu präsent und schränkt die Auswahl stark ein. Rankpflanzen brauchen beispielsweise spezifische Strukturen, Materialstärken und Abstände. Kritisch daran: Begrünung taucht oft sehr spät im Planungsprozess auf. Wünsche treffen dann auf physikalische und biologische Grenzen, dies wird von Bauherren und auch Garten- und Landschaftsbauern regelmäßig unterschätzt. Dort entstehen die typischen Fehler und Kostenexplosionen. Pflanzenauswahl muss von Anfang an als technischer, standortspezifischer Teil der Planung verstanden werden.

Sprecher

Wenn wir auf Städte der Zukunft schauen: Welche Pflanzen oder Pflanzkonzepte funktionieren Ihrer Erfahrung nach besonders gut unter den Bedingungen von Hitze, Trockenheit und begrenztem Boden?

Sprecher

Pflanzen, die von Natur aus an trockene, nährstoffarme und flachgründige Standorte angepasst sind, funktionieren am besten. Also Arten, wie man sie von Steingarten- oder Ruderalstandorten kennt.
 Dabei sollte man nicht ausschließlich auf standardisierte Sukkulentenmischungen setzen. Verholzende, trockenheitsresistente Stauden, besonders Lippenblütler, sind erfahrungsgemäß besser geeignet: strukturell stabil, leicht in der Pflege und biodiversitätsfördernd. Bodengebundene Rankpflanzensysteme sind dabei oft die effizientere Wahl. Sie sind kostengünstiger und ermöglichen es, große Fassadenflächen in kurzer Zeit flächig zu begrünen. Begrünung von urbanen Räumen und Plätzen wird zukünftig noch an Bedeutung gewinnen. Hier kommen multifunktionale, non-invasive und autarke Begrünungssysteme ins Spiel, wo klassische Begrünung nicht weiterkommt.

Ganzheitliche Pflanzensysteme wie die Sonnenarkade von BEEOTOPIA müssen integral als Teil der Infrastruktur gedacht werden. Es geht nicht mehr nur um „grün aussehen“ als eindimensionales Gestaltungselement, sondern um die Kombination aus Biodiversität, Wassermanagement, mikroklimatischer Wirkung sowie einer spürbaren Verbesserung von Gesundheit und Aufenthaltsqualität im urbanen Raum.

Sprecher

Unsere Leser:innen beschäftigen sich stark mit Themen rund um Gebäude und Energie, etwa Photovoltaik oder Wärmepumpen. Wie lassen sich technische Infrastruktur und Begrünung sinnvoll miteinander kombinieren?

Sprecher

PV und Dachbegrünung ergänzen sich gut. Vegetation erzeugt, bei passender Pflanzenwahl, Verdunstungskühlung auf der Dachfläche. Das senkt die Umgebungstemperatur der Module, und Solarmodule sind bei geringeren Temperaturen leistungsfähiger. Gleichzeitig profitieren die Pflanzen von der Teilverschattung durch die Module. Sinnvoll sind artenreiche Pflanzengesellschaften, die aktiv zur Verdunstung beitragen und gleichzeitig ein großes Biodiversitätsangebot bieten. So erreicht man eine Synergie zwischen Energieerzeugung und ökologischer Funktion. Eine weitere Schnittstelle ist das Wassermanagement. Regenwasserspeicher, die ohnehin für Gebäude eingeplant sind, lassen sich zur Bewässerung von Begrünung nutzen.

In urbanen Räumen kommen Systeme mit integriertem Wasserreservoir ins Spiel: Sie kühlen, schaffen Aufenthaltsqualität und fungieren gleichzeitig als dezentrale Speicher, die sich in übergeordnete Gebäudekonzepte einbinden lassen – Stichwort Schwammstadt im Hinblick auf Hochwasserschutz, Grauwassernutzung etc.

 Begrünung und Gebäudetechnik funktionieren am besten, wenn sie von Anfang an gemeinsam geplant werden.

Sprecher

Wenn Sie auf aktuelle Begrünungsprojekte schauen: Gibt es Beispiele, bei denen aus Ihrer Sicht besonders gut gelungen ist, ökologische und städtebauliche Ziele zu verbinden?

Sprecher

Das Institut für Physik in Berlin ist ein Beispiel, das ich wirklich überzeugend finde. Seit den 1990er-Jahren wird die Fassadenbegrünung dort konsequent zur Verschattung und Verdunstungskühlung eingesetzt und über viele Jahre wissenschaftlich begleitet. Das Ergebnis: Rund 25 Prozent weniger Primärenergieverbrauch, etwa 50 Prozent der Gebäudekühlung im Vergleich zu konventionellem Sonnenschutz. Messbare, wirtschaftliche Wirkung. Die Begrünung war dort von Anfang an als Teil der Gebäudetechnik gedacht, kein nachträgliches Gestaltungselement.

Leider findet so ein wissenschaftlich erforschtes Vorzeigeprojekt meiner Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit. Ähnlich konsequent ist das Kendeda Building in Atlanta, welches ein ganzheitliches Konzept verfolgt. Photovoltaik, Regenwassernutzung und Vegetation wurden als Gesamtsystem geplant. Das Gebäude produziert netto mehr Energie als es verbraucht und ist vollständig unabhängig von der städtischen Trinkwasserversorgung. Beides sind Gebäude, bei denen Begrünung Infrastruktur ist.

Sprecher

Zum Abschluss noch ein Tipp für unsere Leser:innen: Wenn man sein eigenes Gebäude begrünen möchte, sei es auf dem Dach, am Balkon oder an der Fassade. Worauf sollte man achten, damit ein solches Projekt langfristig wirklich einen ökologischen Mehrwert hat?

Sprecher

Ein Begrünungsprojekt hat dann einen wirklichen ökologischen Mehrwert, wenn die Pflanzen langfristig vital sind. Und das erreicht man nur über ein funktionierendes Gesamtsystem. Das heißt: Standortgerechte Pflanzenwahl, ein Aufbau, der den Anforderungen des Standorts wirklich gerecht wird, und eine Bewässerungstechnik, die zuverlässig die Bedingungen kontrolliert und automatisch eine bedarfsgerechte Versorgung gewährleistet. Selbst gießen klingt einfach, ist in der Praxis aber weder verlässlich noch effizient genug, um Pflanzen langfristig vital zu halten.

 Eine Begrünung hat nur dann ökologischen Wert, wenn sie lebt.

Sprecher

Kai Müller liefert in diesem Gespräch keine Werbebotschaft für urbanes Grün. Er liefert eine nüchterne Analyse dessen, was in der Praxis schiefläuft. Dachbegrünung, Fassadenbegrünung, Sedum-Mischungen: all das klingt nach Fortschritt, funktioniert ökologisch aber nur dann, wenn Standortbedingungen, Substrat, Pflanzenwahl und Bewässerung als Gesamtsystem gedacht werden. Die Verbindung mit Photovoltaik und Wassermanagement unterstreicht, dass Begrünung kein Add-on ist, sondern integraler Teil eines zukunftsfähigen Gebäudekonzepts. Wer ein Begrünungsprojekt plant, findet in diesem Interview die wichtigsten Stellschrauben, von der richtigen Pflanzenart bis zur Frage, warum selbst gießen keine Option ist.

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